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August 31 2010

Wer heilt, hat recht?

Teil 1: Die Gebetsmühle

“Wer heilt, hat recht” ist ein Standardargument aus der alternativen Medizin.

Das Argument scheint schlagend – aber korrekterweise sollte es heißen: „Wer dabei war, hat recht“. Die Frage, welche Therapie – wenn überhaupt – bei der „Heilung“ eine Rolle gespielt hat, ist ja gar nicht geklärt. Nun, der „Heiler“ war dabei und beansprucht jeglichen positiven Effekt einschließlich des Placebo-Effektes für sich, und deshalb soll er recht bekommen. Ein Schelm, wer dabei an Trittbrettfahren denkt. „Wer heilt, hat recht“ ist die Gebetsmühle, mit deren Hilfe Anbieter der alternativen Medizin – ob Dr. med. oder nicht – auf Beutejagd gehen, und es funktioniert!

Die Vorgehensweise ist einfach: Man werbe von der regulären Medizin enttäuschte Patienten, gebe ihnen ein gutes Gefühl, rede ihnen gut zu, rede ihnen Krankheiten ein, die sie gar nicht haben, und binde sie ideologisch. Welche Quacksalber-Methode man dabei nutzt, ist eigentlich egal. Homöopathie ist ein besonders guter Kandidat, weil für sie massive Medienkampagnen gelaufen sind und sie auch ihre akademischen Helfershelfer hat, die ihnen notfalls den Stempel „wissenschaftlich“ aufdrücken. Wer darauf nicht anspricht, dem kann man ja indische oder chinesische Medizin anbieten.

Nun kann nichts mehr schief gehen. Wenn doch, liegt es an der verteufelten „Schul“-Medizin. Möglicherweise hat ein Arzt, berechtigt oder unberechtigt, eine Therapie mit vielen Nebenwirkungen verordnet. Bereits durch das Absetzen dieser Behandlung fühlt sich der Patient besser – ob ihm dies langfristig dienlich ist, sei dahingestellt: Erfolg Nummer eins. Wenn es dem Betroffenen trotz Beginn der alternativen „Behandlung“ schlecht geht – aber nur dann! – liegt es an der „Erstverschlimmerung“. Geniale Ausreden für Misserfolge! Sind Krankheiten eingebildet oder eingeredet, kann man sie ohnehin mit dubiosen Messmethoden als „geheilt“ erklären und als Erfolg abhaken. Bei anderen Beschwerden warte man nur ab – geht es dem Patienten, aus welchen Gründen auch immer, besser, ist es ebenfalls ein Erfolg. Auch bei dem natürlichen Auf und Ab einer Krankheit kann man durch „Anpassen“ der Scheintherapie immer einen Erfolg buchen. Stirbt der Kranke, war die Vergiftung durch die „Schul“-Medizin schuld. Egal, was passiert, „der Heiler hat immer recht“, denn er ist dabei, und alle Erfolge (von wo auch immer) sind sein Verdienst, alle Misserfolge dagegen ein Problem der „Schul“-Medizin – oder Resultat einer „Erstverschlimmerung“.

Rechthaberei ist der Ausgangspunkt solcher Sprüche im Marketingprogramm der „alternativen“ Medizin, nicht Sorge um Patienten. Ein wenig Bescheidenheit und Selbstkritik wären angemessener.

Reposted bydatenwolf datenwolf

August 27 2010

Hildegard-Medizin: Da erschaudert der Teufel

“Posaune Gottes” ist ein Artikel im aktuellen Spiegel Geschichte über die Äbtissin Hildegard von Bingen überschrieben. In erster Linie gibt’s viel Biografie, erst gegen Ende einen kurzen Schwenk zur heutigen “Hildegard-Medizin”:

Beliebt ist indes heute noch die nach ihr benannte “Hildegard-Medizin”. Sie wurde 1970 von einem österreichischen Arzt erfolgreich herausgebracht; zumindest im Marketing stand der Mann der Namensgeberin nicht nach.
Der Würzburger Klostermediziner Mayer entdeckte allerdings frappante Widersprüche zum Original. Kurios sei etwa das propagierte ,Hildegard-Fasten’. Im ganzen Werk der Benediktinerin fand Mayer dazu nur einen Satz: ,Das Fasten sollst du nicht übertreiben.’”

In der Tat wäre es wohl angebrachter, von “Hertzka-Medizin” zu sprechen denn von “Hildegard-Medizin”. Gottfried Hertzka ist nämlich der Name jenes österreichischen Arztes, der gemeinsam mit dem deutschen Heilpraktiker Wighard Strehlow den Vertrieb eines Sammelsuriums an Pflanzenpräparaten, Edelsteinen, Nahrungsmittel, Kosmetika und sonstigen Bedarfsartikeln für “gesunde Lebensführung” unter dem Signet “Hildegard-Medizin” groß aufzog.

Mit den Schriften Hildegards hat dieser Versandhandel nur noch entfernt zu tun, desgleichen die Flut der Publikationen, die sich seit Mitte der 80er über den Buch´markt ergießt. Die Ratschläge und Rezepturen, die Hertzka und Strehlow in ihrer ,Großen Hildegard-Apotheke’ für sämtliche nur denkbaren Erkrankungen vorlegen, entbehren jedes seriösen Wirksamkeitsnachweises”,

warnt der Psychologe und Sachbuchautor Colin Goldner in seinem Buch “Die Psycho-Szene”. Weitere Kritik aus medizinischer und historischer Sicht zitiert die informative Wikipedia-Seite zum Thema. Auch das Stiftung-Warentest-Nachschlagewerk “Die andere Medizin – Alternative Heilmethoden für Sie bewertet” kommt zu dem Urteil:

Die Vermarktung des Namens Hildegard von Bingen und die Nutzung ihrer Schriften in einer Weise, die durch das Original kaum gedeckt ist, hat die wohl kenntnisreichsten Professoren dieser Materie zu einer öffentlichen Erklärung veranlasst: Die Versuche, eine durchaus berechtigte Naturheilkunde als ,Hildegard-Medizin’ in die ärztliche Praxis und den Bereich der Apotheke hineinzutragen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Das gilt insbesondere für die Edelsteintherapie Hildegards, “die ihre Vorstellungen meist aus visionärer Schau bezog”, schrieb Bernd Friede im Skeptiker 1/2002:

Die dort postulierten Wirkungen religiöser Entitäten auf das physische Befinden spiegeln das mittelalterliche Konzept der Einheit von seelischem und körperlichem Zustand wider. So heißt es im vierte Buch ihres Werkes “Physica” (“Von den Steinen”): “Gott hat in die Edelsteine wunderbare Kräfte gelegt (…) All diese Kräfte finden ihre Existenz im Wissen Gottes (..) und stehen dem Menschen in seiner leiblichen wie geistigen Lebensnotwendigkeit bei. (…) Jeder Stein hat Feuer und Feuchtigkeit in sich (…) Sie dienen dem Menschen als Segen und Heilmittel (…) Daher werden die Edelsteine vom Teufel gemieden und es erschaudert ihn bei Tag und bei Nacht”.

Die Anwendung der Minerale ist bei Hildegard von Bingen mit alchimistischen Ritualen und Magie verknüpft: Achat, vor dem Zubettgehen in Kreuzform durch das Haus getragen, vertreibe Diebe. Über den Topas schreibt sie: “Wenn jemand Fieber hat, grabe er mit dem Topas drei kleinere Gruben in ein weiches Brot, gieße reinen Wein in dieselben (…) und betrachte sein Gesicht in dem Wein (…) und spreche: “‘Ich sehe mich an wie in dem Spiegel (…), auf dass Gott dieses Fieber von mir vertreibe”.”

Den GWUP-Themeneintrag zu “Edelsteintherapie – Kristallmedizin – Lithotherapie” finden Sie hier.

Zum Weiterlesen:

  • Werbung für Heilsteine unzulässig, wahrsagercheck.de am 3. April 2009
  • “Welchen Einfluss haben Steine, Minerale und Edelsteine auf den Menschen?” Vortrag von Klaus Olschewski bei der 12. GWUP-Konferenz in Berlin

August 21 2010

Wasser und Esoterik

“Nachdenkliches Heilwasser” überschreibt Dr. Werner Bartens heute seine Rubrik “Medizin und Wahnsinn” in der Süddeutschen Zeitung. Darin erfahren wir auf gewohnt launige Weise von einem – leider nicht näher bezeichneten – Versuch in Dresden, “der dazu angetan war, zu zeigen, was wirklich im Wasser” steckt:

Es ging darum, welche Auswirkungen positive wie negative Gedanken auf das Wasser haben. Unter den Augenzeugen des Experiments wurde als bekannt vorausgesetzt, dass Wasser durch verschiedene Einflüsse wie Musikschwingungen, Gebete und Meditationen Informationen und Energien aufnehmen kann.
Der Versuchsaufbau kann nur als ausgeklügelt bezeichnet werden. Auf den ersten Wasserbehälter konnten die Kongressbesucher positive Gedanken projizieren. Um methodische Zweifel zu zerstreuen, gab es einen zweiten Wasserbehälter, auf den die Kongressbesucher negative Gedanken projizieren sollten. Als Clou muss das dritte Gefäß gelten. In diesem Behälter befand sich zur Kontrolle ,,neutrales’ Wasser, auf das keinerlei Gedanken projiziert werden sollten.
Der Ausgang des Versuchs ist unklar, vermutlich hat ein Saboteur fiese Gedanken an das neutrale Wasser gerichtet. Trotzdem sollte der Ansatz weiter verfolgt werden. In Wasserwerken tun sich neue Berufsfelder auf, damit künftig nicht nur Warm und Kalt aus der Leitung strömt, sondern auch ein Hahn für positives und negatives Wasser geöffnet werden kann.”

Das erinnert mich sogleich an eine Anfrage, die vergangene Woche an die Skeptiker erging. Und zwar nach einer gewissen Dr. Enza Maria Ciccolo, die ein ominöses “Lichtwasser” propagiert und damit anscheinend eine sektenartige Anhängerschaft begeistert. Leider habe ich zu der Dame bislang nicht mehr kritische Infos als diesen italienischen Blog finden können. Tipps und Hinweise sind sehr willkommen!

Dafür ist der GWUP-Themenbereich auf unserer Homepage soeben um den Eintrag “Wasserbehandlung” erweitert worden. Darin heißt es unter anderem:

Esoterische Verfahren sind oft mit Namen verbunden, etwa Johann Grander (Granderwasser), Wilfried Hacheney (levitiertes Wasser), Roland Plocher (revitalisiertes Wasser) oder Masaru Emoto (Wasserkristallformen). Charakteristisch für derartige Verfahren und entsprechende Geräte ist die Behauptung, dass sie das Wasser durch Übertragung nicht näher spezifizierter Informationen, Schwingungen oder Energien verändern. Angeblich geschieht dies ohne chemische Zusätze, elektromagnetische Felder oder sonstige messbare Energiezufuhr.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das nicht nachvollziehbar. Wasser kann so nicht verändert werden und insbesondere keine Information aufnehmen, speichern oder abgeben.”

Zum Weiterlesen:

  • Das Gedächtnis des Wassers, Skeptiker 2/2008
  • Zaubertricks mit Wasser, diewahrheit am 8. Juni 2010

August 12 2010

Psychic Detectives: Was können “übersinnliche” Ermittler?

In Australien hat eine Frau mit “übersinnlichen Kräften” eine Leiche gefunden, meldet Welt-Online. Eigentlich auf der Suche nach einem vermissten Kind, habe “ein Gefühl” sie in einen Park geführt. Dort habe das Medium stattdessen den in Plastik verpackten Torso einer Frau entdeckt.

Soso. “Hellseher im Dienst der Polizei” sind nicht erst seit der gleichnamigen Spiegel-TV-Reportage ein beliebtes Medienthema (hach, wie doppelsinnig wir heute wieder sind …). Auch der Mystery-Serie “Akte X” war dieses Phänomen eine Episode wert, und zwar “Der Hellseher”.

In dieser vierten Folge der dritten Staffel verlässt sich die Polizei auf die Dienste des „Unglaublichen Yappi“, eines affektierten „übersinnlichen Ermittlers“, um einen Mörder zu finden. Im Verlauf der Handlung entspinnen sich Dialoge wie der folgende zwischen dem Ermittlungsbeamten Detective Cline und X-Akten-Agent Fox Mulder:

Cline: „Der Unglaubliche Yappi hat gesagt, die Leiche des ersten Opfers hätte man irgendwo deponiert. Und jetzt finden wir sie tatsächlich auf einer Mülldeponie.“
Mulder: „Da läuft es mir ja kalt den Rücken herunter …“

Oder:

Mulder: „Yappi hat behauptet, die Leiche würde bei einem Wasser gefunden. Eine Kirche oder eine Schule wäre in der Nähe. Und er hätte einen kurzen Blick auf den Buchstaben ,S’ oder die Zahl ,7’ erhaschen können.“
Cline: „Und was wollen Sie damit sagen?“
Mulder: „Seine Hinweise sind so vage, dass sie praktisch nutzlos sind, lassen sich aber nach dem Fund dann leicht als zutreffend interpretieren.“

Na, wenn sogar schon Para-Enthusiast Mulder skeptisch ist, dann wird an der Sache wohl nicht allzu viel dran sein? Stimmt.

„Akte X“-Drehbuchautor Glen Morgan hatte bei seinen Recherchen für „Der Hellseher“ das Buch „Psychic Sleuths“ von Joe Nickell gelesen. Nickell, ein ehemaliger Privatdetektiv, ist heute als „Researcher“ (Falluntersucher) für die amerikanische Skeptikerorganisation CSI tätig. Für „Psychic Sleuths“ koordinierte er ein Team von elf Forschern, die mehrere Monate lang den bekanntesten „übersinnlichen Ermittlern“ der USA auf den Zahn fühlten.

Die aufwändige Untersuchung erbrachte ein Null-Ergebnis – und änderte nicht zuletzt auch Glen Morgans Einstellung zu dieser Thematik grundlegend:

Man denkt ja, vielleicht ist das möglich, oder man denkt gar nicht darüber nach. Man überlegt sich: ,Die haben sich einen übersinnlich Begabten dazu geholt, und er hat eine Leiche gefunden. Wow, das ist ja unglaublich.’ Aber dann, wenn man anfängt, ein wenig genauer hinzuschauen, sich konkrete Beispiele ansieht, dann sagt man plötzlich: ,Oh, es ist eigentlich total klar, dass da gar nichts Besonderes dran ist.’”

Neben Nickell führte der amerikanische Psychologe Dr. Martin Reiser beim Los Angeles Police Department zwei eingehende Untersuchungen zum Einsatz von „Sensitiven“ durch. Er bat zwölf „übersinnlich Begabte“, ihm Hinweise auf zwei gelöste und zwei noch ungeklärte Verbrechen zu geben. Die Ergebnisse nannte Reiser schließlich  „wenig bis gar nicht hilfreich“. Für einen neuerlichen Test beauftragte er gleichzeitig zwölf „Medien“, zwölf Kriminalbeamte und zwölf Collegestudenten mit demselben Fall. Heraus kam dabei, dass die „Medien“ zwar zehnmal so viele Informationen zu Protokoll gaben als die beiden anderen Gruppen – damit aber keinen Deut mehr zur Lösung beitrugen.

Die Autoren Jane Ayers Sweat und Mark W. Durm schrieben 1993 die Police Departments von 50 amerikanischen Großstädten an. Sie wollten wissen, ob die Polizei tatsächlich die Dienste von „übersinnlichen Ermittlern“ in Anspruch nehme. Die Befragten gaben an, nie auf übersinnliche Weise Informationen einzuholen. Mehr noch: Die meisten beklagten sich bei Sweat und Durm, dass selbst ernannte „Medien“ die Ermittlungen regelmäßig behinderten.

Eine Erfahrung, die auch der Scotland-Yard-Inspektor Edward Ellison bestätigen kann: Bei Nachforschungen in allen acht Londoner Bezirken, für die Scotland Yard zuständig ist, stellte er fest, dass nicht seine Kollegen die „Sensitiven“ aufgesucht, sondern dass diese sich der Polizei aufgedrängt hatten.

Und hier bei uns? Erschien vor drei Jahren der Aufsatz „,Psychic detectives’ auch in Deutschland? Hellseher und polizeiliche Ermittlungsarbeit” in dem Fachblatt Die Kriminalpolizei. Darin heißt es unter anderem:

Die Zahl entsprechender Angebote an die Polizei (steigt) mit zunehmendem massenmedialem Interesse am betreffenden Vermisstenfall stark an … Besonders wichtig ist dem Autor in diesem Zusammenhang der Befund, dass – nach Angaben der befragten Polizeidienststellen – die entsprechenden Hellseher in keinem einzigen Falle einen brauchbaren Hinweis gegeben oder auch nur im entferntesten weitergeholfen hätten.”

Nichtsdestotrotz will sich unser australisches Super-Medium nun intensiv in die Suche nach der vermissten sechsjährigen Keisha Abrahams einschalten. Die Eltern des Mädchen wären indes gut beraten, der “Hellseherin” barsch die Tür zu weisen. Wohin der Unfug mit “übersinnlichen Ermittlern” führt, davon kann zum Beispiel die Familie Tate aus Aylesbeare, Devon (England), berichten, deren Tochter Genette 1978 spurlos verschwand.

In der Folgezeit dienten sich zahllose Hellseher und Wahrsager den Eltern an, mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten das Mädchen ausfindig zu machen. Ihr Vater John Tate sagte später dazu aus (zit. nach Lynne Kelly: „The Skeptic’s Guide to the Paranormal“):

Es kamen viele Leute zu uns, die uns einen Hoffnungsschimmer gaben. Am Anfang  griffen wir nach jedem Strohhalm. Doch die Versprechungen der ,Medien’ erwiesen sich allesamt als Lügengespinste. Sie weckten nur falsche Hoffnungen.
Manchmal glaubten wir wirklich, wir hätten eine Spur. Die Vorschläge und Ideen der „Sensitiven“ nagten an unserem Verstand. Doch immer, wenn es konkret wurde, führten die angeblichen Spuren nirgendwo hin – außer in tiefste Verzweiflung.

Wir merkten bald, dass die Hellseher, die vor unserer Haustür standen, so eine Art „Vertreter-Typen“ waren, die, wenn sie sich erst einmal eingeschlichen hatten, nicht mehr so einfach wieder fort gingen. Es waren Menschen mit übersteigertem Selbstbewusstsein, die sich unbedingt durchsetzen wollten.
Sie trampelten rücksichtslos auf unseren Gefühlen herum, die ohnehin schon an der Grenze der Belastbarkeit waren. Innerhalb kürzester Zeit versetzten sie uns seelisch völlig in Aufruhr und  der Einfluss dieser Leute begann sich äußerst unangenehm auszuwirken. Selbst wenn wir es nicht wollten – sie waren immer da, auf unserer Türschwelle, und erwarteten, dass sie mit offenen Armen empfangen würden.

Wir merkten bald, dass die Tätigkeit der ,übersinnlich Begabten’ nicht nur unsinnig und lächerlich war – sie war übel und bösartig. Als wir erst einmal in diesem Netz der Täuschungen –  und genau darum handelte es sich – gefangen waren, war es für uns sehr schwer, uns wieder frei zu kämpfen. Nichts von alledem führte jemals zu irgend etwas, außer zu immer neuen Enttäuschungen und Verwirrungen. Die Hellseher und Wahrsager hatten uns mit ihren Suggestionen zu Sklaven und Abhängigen gemacht.“

Zum Weiterlesen:

August 06 2010

“The Reaping”: Ein Skeptiker trifft Hilary Swank

Gut, rein von der Optik her kann man es Regisseur Stephen Hopkins nicht verdenken, dass er sich für Sweety Hilary Swank als Hauptdarstellerin für “The Reaping - Die Boten der Apokalypse” entschieden hat. Und gegen Joe Nickell, den Senior Research Fellow der amerikanischen Skeptiker-Organisation CSI.

Inhaltlich indessen gereicht diese Wahl dem Hollywood-Streifen entschieden zum Nachteil. “Dumm” und “lächerlich schlecht” fand zum Beispiel USA Today den Film, der morgen (Samstag, 7. August) um 22.05 Uhr bei RTL läuft. Andere Kritiken fielen nicht wesentlich freundlicher aus.

Als “another bad supernatural thriller“ (Washington Post) handelt “The Reaping” von der Professorin Katherine Winter, die “vermeintliche göttliche Wunder als Täuschungen enttarnt” (zit. nach Wikipedia). Soweit stimmt die fiktive Biografie der Protagonistin noch weitgehend überein mit dem real existierenden Joe Nickell, nach eigenen Angaben „the world’s only full-time professional paranormal investigator”.

Der Literaturwissenschaftler und ehemalige Privatdetektiv untersucht seit mehr als vier Jahrzehnten vermeintlich “übersinnliche” Phänomene. Zum Thema “göttliche Wunder” (wie etwa blutende und weinende Madonnen-Statuen, Stigmata, Visionen, unverweste Leichname etc.) hat er das Buch “Looking for a Miracle” geschrieben – und eben dieses weckte das Interesse von Hollywood-Produzentin Kate Garwood, die es später ihrer Hauptdarstellerin Hilary Swank als Pflichtlektüre verordnete.

Natürlich gelangt Prof. Katherine Winter im Verlaufe von “The Reaping” zu der Pflichterkenntnis aller populär-kommerziellen Machwerke: “dass sie mit ihrem wissenschaftlichen Ansatz nicht weiterkommt” (zit. nach RTL). Am Ende findet sie in einer Kleinstadt, die von den zehn biblischen Plagen heimgesucht wird, sogar zu ihrem verlorenen Glauben zurück. Für Nickell eine inakzeptable Wendung der zunächst ganz passabel klingenden Story:

Exasperated, I said that asking me to assist with such a drama was rather like suggesting I stick my foot out and shoot a bullet through it. I have since adopted a more resigned attitude.”

Dennoch wird Nickell schließlich zu den Dreharbeiten eingeladen und lernt dabei auch Oscar-Preisträgerin Hilary Swank kennen:

I liked her immediately, and we discussed our respective philosophies. Without speaking for her, I would think she might describe herself as being more ,spiritual’ than either ,religious’ or ,skeptical’. As for me, I told her, my work has increasingly convinced me that we live in a real, natural world, one that science is best suited to explain.

As we parted, Lawrence Elman and I went out one door of the building and Hilary (and a couple of others who had joined her) went out another. As it happened, however, our respective walkways funneled us all to the same exterior stairway, and Hilary feigned surprise at seeing me again. With a grand gesture, and a knowing look, she exclaimed, ,Coincidence??!!’”

Zu filmischen Ehren gelangt Nickell letztendlich zwar nur in einer begleitenden Doku-DVD über die biblischen Plagen. Nichtsdestotrotz zieht er ein halbwegs positives Fazit:

As for me, my Hollywood career seems already in decline, as I return to my job of looking for a miracle. Beyond the illusory apparitions, fake weeping icons, bogus stigmatics, and sadly ineffective “healings,” I am still looking—and so far finding a very real, very natural world.”

Nickells Erfahrungsbericht “The Making of The Reaping: Behind The Scenes of a Supernatural Thriller” gibt’s hier.

July 29 2010

“Psi-Begabte” im TV-Test

Nicht weniger als eine Million Dollar konnten sie gewinnen, die beiden Wünschelrutengänger. Dafür brauchten sie nur zu tun, was sie nach eigenen Angaben ohnehin regelmäßig machen: nämlich mit der Rute verborgenes Wasser finden. Für den Beweis dieser oder einer anderen Psi-Fähigkeit hat das amerikanische Skeptiker-Urgestein James Randi bekanntlich die Million Preisgeld ausgesetzt.

Wie sich die beiden im Test schlugen, ist heute Abend, 29.07.2010, ab 19.10 Uhr im TV zu sehen: bei “Galileo” auf ProSieben.

Das Team des Fernsehmagazins organisierte seine Tests mit Hilfe der freundlichen Skeptiker von der GWUP. Denn die haben Erfahrung beim Testen von Psi-Begabungen. Sie führen ohnehin auch jedes Jahr eigene Psi-Tests durch, bei denen die Kandidaten immerhin 10 000 Euro gewinnen können.

Diese Psi-Tests der GWUP fanden dieses Jahr am 26. und 27. Juli an der Universität Würzburg statt, unter der Beteiligung von GWUP-Wissenschaftsratsmitglied Dr. Rainer Wolf und Dr. Martin Mahner, Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken. Von vier angemeldeten Kandidaten erschienen drei zum Test: Toni M., der mit der Wünschelrute feststellen wollte, ob ein Kabel unter Spannung steht oder nicht, d.h. ob es ein- oder ausgesteckt ist; Holger R., der ganz klassisch mit der Winkelrute (einer speziell geformten Wünschelrute) einen gefüllten Eimer Wasser muten wollte; und Johann D., der einen von ihm gewerblich vertriebenen Wasserenergetisator mit seiner Hand bzw. mithilfe eines Pendels aufspüren wollte.

Dazu Dr. Martin Mahner:

Mit Toni M. führten wir einen 1-aus-2-Test durch. Wir hatten 5 Kabel vorbereitet, die einzeln ein- oder ausgesteckt werden konnten – selbstredend ohne dass der Kandidat dies sehen konnte. Welches Kabel ein- bzw. ausgesteckt wurde, war zuvor ausgelost worden. Bei 10 Durchgängen ergaben sich also insgesamt 50 Einzeltests. Bei einer Chance von 1/2 lag die Zufallserwartung bei 25 Treffern. Zum Bestehen des Tests waren daher 40 Treffer gefordert. Toni M. mühte sich redlich und erzielte dabei 24 Treffer…

Die beiden anderen Kandidaten wurden nach dem 1-aus-10-Verfahren getestet. Das heißt, das zu mutende Objekt musste in einem von zehn Behältern gefunden werden, wobei die übrigen neun leer blieben. Bei Holger R. waren dies Plastikeimer, die mit einem Handtuch abgedeckt waren und von denen einer mit Wasser gefüllt war. Bei Johann D. waren es kleine Behälter aus Styropor. Einer davon deckte den auf dem Tisch in einem Plastikbecher stehenden Energetisator (im Bild links zu sehen) ab, die anderen neun wurden über Plastikbecher gestülpt, die – auf Wunsch des Kandidaten – statt leer zu bleiben, einen Schokoriegel der Marke Snickers als Nullobjekt enthielten.

 Bei jeweils 13 Durchgängen waren jeweils 7 Treffer gefordert. Holger R. erzielte einen Treffer, Johann D. zwei. Die Zufallserwartung liegt bei 1,3 Treffern.

Das Geld ist also noch da…

Mehr Infos und Bilder zu den Psi-Tests gibt es im SKEPTIKER 3/10, der Anfang September erscheint.

Links zum Thema:

Zum Weiterlesen:

July 18 2010

Elf Fragen an Homöopathie-Fans …

… formulierte vor einigen Jahren schon der Mediziner Prof. Jiri Hert vom tschechischen Skeptikerverband SISYFOS - ausgehend vom “Common Sense und der Logik”. Im Skeptiker schrieb Hert:

Wir sollten im Falle der Homöopathie den empirischen Weg verlassen und lieber den rationalen Weg beschreiten, indem wir auf der Grundlage der gesamten Wissenschaften und der Logik sagen: Die Prinzipien der Homöopathie stehen im klaren Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und sind mit Sicherheit falsch. Die Homöopathie ist eine Pseudowissenschaft und homöopathische Präparate mit Sicherheit spezifisch unwirksam.”

Für die Diskussion mit Homöopathen und deren Anhängern empfahl Hert, “auf folgende Probleme und Widersprüche hinzuweisen”:

1. Die Homöopathie setzt die Existenz einer spirituellen Kraft (dynamis) voraus, während die Physik nur vier Grundkräfte kennt.

2. Die Idee, die Wirksamkeit einer Substanz lasse sich durch Verdünnung und Schütteln erhöhen, widerspricht der Pharmakodynamik.

3. Alle chemischen Reaktionen sind Reaktionen zwischen Molekülen. Wenn das letzte Molekül verschwunden ist, kann keine Reaktion mehr erfolgen.

4. Die Übertragung einer “Information” auf das Wasser könnte, selbst wenn es sie gäbe, nicht dauerhaft sein, weil sich die Struktur von Wasser im Pico- bis Femtosekundenbereich umbildet.

5. Schütteln (Sukkussion) kann die Eigenschaften von Wasser nicht ändern.

6. Unlösbare Substanzen wie Gold oder Siliziumoxid können nicht verdünnt und damit “potenziert” werden.

7. Wie ist es möglich, dass eine ausgewählte Muttersubstanz dynamisiert wird, wenn sich im Wasser oder in reinem Ethylalkohol unzählige Moleküle hunderter organischer wie anorganischer Substanzen befinden, die in gleicher Weise verdünnt und geschüttelt werden? Diesem vernichtenden Einwand können Homöopathen letztlich nur durch den offenen Rückzug in die Magie begegnen.

8. Je exakter und sorgfältiger eine Studie durchgeführt wird, desto klarer kommt ein für die Homöopathie negatives Ergebnis dabei heraus. Können Homöopathen diese Tatsache erklären?

9. Wie kann es sein, dass die Homöopathie in konkurrierende Schulen zersplittert ist, die mit gegensätzlichen Methoden und Präparaten arbeiten und trotzdem alle die gleichen positiven Resultate melden?

10. Warum wird verlangt, die Homöopathie solle in die wissenschaftliche Medizin eingegliedert werden, wenn die Homöopathie auf einer “geistigen” Kraft beruht? Schließlich beschäftigt sich die Naturwissenschaft nur mit der materiellen Welt.

11. Warum treten bei der homöopathischen Arzneimittelprüfung die Symptome nur bei Gesunden auf? Und warum zeigen sich dann beispielsweise bei der Gabe von Vitamin C keine Skorbutsymptome?


Zum Weiterlesen:

July 16 2010

Homöopathie ist nicht Naturheilkunde

Angesichts der hohen Zustimmungsquoten für die Homöopathie stellt sich die Frage, wozu sich die Befragten eigentlich zustimmend geäußert haben. Nach einer  –  übrigens im Auftrag von Homöopathen durchgeführten- Allensbach-Umfrage wissen nur 17 % der Bevölkerung, was Homöopathie ist. 74 % dagegen halten Homöopathie für Naturheilkunde oder glauben, dabei würden ausschließlich Pflanzenextrakte angewandt. Sie würden vermutlich staunen, welche  Inhalts- und Grundstoffe da tatsächlich verschüttelt und “potenziert” werden. Denn entgegen einem populären Irrtum nennt die homöopathische Literatur neben netten Pflänzchen auch so kuriose Stoffe wie Arsen, Plutonium, Polarstern, Vakuum, Speichel tollwütiger Hunde und Eiterflüssigkeit aus dem Krätzbläschen.

Auch Politiker und sogar Verbandsfunktionäre der Ärzteschaft, wie der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, gehören entweder auch zu den 74 % Unwissenden oder nutzen diese Unwissenheit offenbar aus, um für Homöopathie zu werben. Pseudowissenschaft ist also nicht nur in der Politik, sondern selbst in den Verbänden der Ärzteschaft, Apotheker und Krankenkassen längst hoffähig geworden.

Der Spiegel-Artikel hat heilsam gezeigt, dass der Kaiser Homöopathie nackt ist. Die Methode ist theoretisch und auch praktisch durch empirische Untersuchungen widerlegt.  Nicht die Fakten, sondern die jahrzehntelange Lobbyarbeit der homöopathischen Industrie und ihrer ideologischen Helfer sind der Grund für die Verbreitung der Homöopathie.

Edzard Ernst, der im englischen Exeter die weltweit erste Professur für Komplementärmedizin  innehatte, hält die “wissenschaftlichen” Vertreter der Homöopathie nicht einfach für verblendet oder realitätsfremd. Er ist sich im Spiegel sicher: “Viele lügen wie gedruckt” und “nutzen sie ihre Kenntnis der Wissenschaft, um die Leute hinters Licht zu führen”.

Die aktuelle öffentliche Diskussion ist gut, auch wenn einige auf ihr baldiges Ende hoffen mögen.  Sie wird helfen, die verschrobene und überholte Ideologie der Homöopathie aus dem Nebel der Marketingsprüche ins Licht zu bringen.

July 15 2010

Hahnemann: Scharlatan in der höheren Potenz

Wieder mal gibt’s Streit um die Homöopathie – so wie schon vor 175 Jahren, als die Huschi-Fuschi-Methode sich in Deutschland verbreitete. Der Würzburger Arzt und Politiker Gottfried Eisenmann entrüstete sich seinerzeit:

Solange die Hahnemanie in den Köpfen einiger Weniger spukte und etwa noch dem einem oder andern halbverhungerten Stiefsohne Äskulaps als Leiter zum Brotkorb diente, da ließ man sich die Sache gefallen. Doch nun ist die Narrheit zum Modeartikel geworden …”

Mit dieser unzweideutigen Einstellung zum Thema Homöopathie stand Eisenmann keineswegs allein. In der reichen Handelsmetropole Nürnberg, wo der anämische Adel bei dem Homöopathen Johann Jakob Reuter ein- und ausging, tat sich insbesondere Medizinalrat Friedrich Wilhelm von Hoven als entschiedener Kritiker der Hahnemann-Jünger hervor. Unter dem  Pseudonym „Dr. Ernst Friederich Wahrhold“ brachte von Hoven 1834 die Schrift „Auch Etwas über die Homöopathie“ in Stellung. Daraufhin entspann sich ein gelehrter Disput zwischen den beiden Arzt-Kollegen, berstend von Sotissen und Gossip.

Einen Eindruck davon gab’s bei der Veranstaltung „Der Streit um die Homöopathie“ im Deutschen Medizinhistorischen Museum zu Ingolstadt, wo der Erlanger Medizinhistoriker Dr. Fritz Dross in die Rolle des Medizinalrats von Hoven/Wahrhold schlüpfte und Museumsdirektorin PD Dr. Marion Maria Ruisinger den Part des Johann Jakob Reuter übernahm. In einer szenischen Lesung dokumentierten sie den historischen Schlagabtausch, der vor allem eines deutlich machte: „Dass es in 200 Jahren nicht gelungen ist, neue Argumente gegen die Homöopathie zu finden“, wie Dross nach dem Dialogstück feststellte.

In der Tat, denn die Repliken des Streitgesprächs klingen ziemlich heutig und seien im Folgenden auszugsweise wiedergegeben (Orthografie originalgetreu):

Wahrhold: “Was gegen sie (die Homöopathie; Anm. d. Autors) zu sagen ist, ist längst gesagt. Sie ist wissenschaftlich geprüft, sie ist scherzhaft und satyrisch behandelt worden; ich könnte nichts thun, als das bereits Gesagte wiederholen … Daß ihr Sturz nicht schon jetzt erfolgt ist, kommt lediglich daher, dass ihr Urheber nicht nur weit mehr versprochen hat, als die Urheber früherer Systeme, sondern auch besser, als jeder andere, die Leichtgläubigkeit der Menschen zu benutzen verstanden hat … 
Wie viele Charlatans auch zu allen Zeiten aufgetreten sind, keiner, weder ein religiöser noch ein medicinischer, hat eine so große Rolle gespielt wie Hahnemann, kein Paracelsus, kein Cagliostro, kein Meßmer, kein Gaßner, kein Hohenlohe. Das waren nur Charlatans gewöhnlicher Art, er ist ein Charlatan in der höhern Potenz …”

Reuter: “Keine Sylbe höre ich davon, daß jede homöopathische Arznei ein specificum gegen eine bestimmte Krankheitsform sey. Kann der Blinde fordern, daß man seinem Urtheile über die Farben glaube? Und in der That, Herr Doctor, Schriften von Homöopathen scheinen in ein nicht viel näheres Verhältniß zu Ihnen gekommen zu seyn, als die Farben zum Blinden …”

Wahrhold: “Also noch einmal: die Homöopathen geben eigentlich gar keine Arzeneyen. Sie überlassen die Heilung ihrer Kranken lediglich der Natur … Daß eine so unsinnige, den ersten Grundsätzen der Physik, und selbst dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufende Lehre by Layen und Aerzten Beyfall fand, ist leicht zu begreifen. Sie ist auf die Unwissenschaft und Aberglauben berechnet, und was vermag bey den meisten Menschen mehr, als das Wunderbare, Unbegreifliche, Unsinnige?”

Reuter: “Daß die Grundsätze der Physik auf lebende Körper nicht passen, ist schon von den Allöopathen ganz klar ausgemittelt und braucht von mir nur angeführt zu werden. Es ist daher kein Vorwurf für die Homöopathie, daß sie den Gesetzen der Schwere, der Optik entgegen ist. Es giebt noch viele Kräfte in der Natur, die wir bisher nicht ahneten. Wollen wir eine neuentdeckte Kraft deßwegen wegleugnen, weil sie in unsern Erkenntnißkreis nicht paßt?”

Wahrhold: “Sie (die Homöopathie; Anm. d. Autors) ist eigentlich gar keine Heilart, denn welcher vernünftige Mensch kann glauben, daß der millionste oder gar der decillionste Theil eines Arzeneystoffes noch etwas bewirken könne? … Der Glaube thut Wunder, sagt man, und solche Wunder thut auch der Glaube an die Homöopathie … Ihre Tröpfchen, Pülverchen und Kügelchen nützen nichts, weil sie nichts nützen können. Helfen sie etwas, so geschieht es, weil die Kranken an ihre Wirksamkeit glauben. Diesen Glauben dem Publikum beyzubringen, ist die große Kunst der Homöopathen.”

Schließlich beschwor Reuter seine Gegner, nicht alles nach Gewicht und Maß zu beurteilen und die neue Heilmethode nicht voreingenommen theoretisch, sondern praktisch zu überprüfen. Und tatsächlich kam es daraufhin zu einem Experiment, das durchaus vergleichbar ist etwa mit der Kampagne „1023 – Homeopathy: there‘s nothing in it“ britischer Skeptiker von 2010.

Mehr noch: Der „Nürnberger Kochsalzversuch“ gilt als erster Doppelblindtest der Medizingeschichte. „Erst die Auseinandersetzung mit neuen, alternativen Heilverfahren wie dem Mesmerismus und der Homöopathie führte schließlich dazu, dass man Versuchsanordnungen ersann, die es in nie dagewesener Weise erlaubten, verfälschende Einflüsse auszuschalten, um so die Wirksamkeit der Medikamente beweisen oder widerlegen zu können“, schreibt der Würzburger Medizinhistoriker Prof. Michael Stolberg in einem Aufsatz im Katalog zur Homöopathie-Ausstellung “200 Jahre Organon” im Deutschen Medizinhistorischen Museum (bis 17. Oktober).

Kurz zusammengefasst: Am 19. Februar 1835 nahmen 55 Probanden im Gasthof „Zum Rothen Hahn“ in der Königstraße an dem Experiment teil, das die „Nullität“ der Homöopathie beweisen sollte.  Die Probanden schluckten nach dem Vorschlag Reuters einige Tropfen einer dreißigfach „potenzierten“ Kochsalzlösung auf nüchternen Magen. Ein homöopathisches Standardwerk jener Zeit behauptete eine „15 bis 20 Tage anhaltende Wirkung“. Und auch Johann Jakob Reuter selbst versprach den Teilnehmern, dass sie „etwas Ungewöhnliches darauf fühlen werden, auch ohne Glauben“.

Und wie ist er nun ausgegangen, der erste „Homeopathic Challenge“ anno 1835? Ernüchternd – für die Pro-Homöopathie-Fraktion.

Die große Mehrheit der Versuchsteilnehmer (42) gab an, nichts Ungewöhnliches in ihrem Befinden bemerkt zu haben. Von ihnen hatten streng doppelblind 19 das homöopathische Arzneimittel und 23 “normales” Wasser eingenommen. „Die übrigen acht berichteten vor allem von leichten Unterleibsbeschwerden oder Erkältungen“, schreibt Stolberg weiter. „Fünf von ihnen hatten potenziertes Kochsalz und drei reines Wasser erhalten.“

Und doch: Das Ziel, die Öffentlichkeit von der Nichtigkeit der Homöopathie zu überzeugen und dem homöopathischen Treiben im Königreich und in Nürnberg selbst den Garaus zu machen, erreichten die Gegner nicht. Reuter avancierte nach Eigendarstellung gar zum „beschäftigtsten Arzt der Welt“ und protzte mit „täglich hundert Patienten“. Das zeitgenössische Publikum wiederum sah sich „einmal mehr in der Überzeugung bestätigt, dass man ärztlichen Versprechungen gleich welcher Art am besten grundsätzlich mit gesundem Misstrauen begegnete“.

Den vollständigen Veranstaltungsbericht gibt’s im nächsten Skeptiker, der voraussichtlich Ende August erscheint.

July 13 2010

Homöopathie: Viel Aufregung um (fast) nichts

Morgen, Mittwoch, 14.07.2010, ab 6 Uhr früh begeht Dr. Mark Benecke vor laufender TV-Kamera Selbstmord.  Für sein Ableben im Studio des SAT.1-Frühstücksfernsehens hat der bekannte Kriminalbiologe und Mitglied des GWUP-Wissenschaftsrates eine homöopathische Überdosis gewählt. Einen Haufen Zuckerpillen also.  Homöopathen sagen: ein hilfreiches Medikament, das in Überdosen schlimme Wirkungen haben kann.

Um zu zeigen, dass die Kügelchen nur ein süßes Nichts auf der Zunge sind, gaben sich britischen Skeptiker und Verbraucherschützer im Januar diesen Jahres den Globuli-Overkill . Unnötig zu erwähnen, dass sie sich nach wie vor bester Gesundheit erfreuen. Genau wie GWUP-Wissenschaftsratsmitglied Dr. habil. Rainer Wolf und die Skeptiker-Kollegen von der österreichischen Gesellschaft für kritisches Denken, die das Experiment ebenfalls durchgeführt haben. Wir dürfen also gewiss sein, dass uns Mark Benecke noch ein Weilchen erhalten bleibt.

Hahnemanns Wundermedizin ist mal wieder im Gespräch. Mit seiner aktuellen Titelgeschichte “Homöopathie – die große Illusion” hat Der Spiegel eine breite Debatte über Sinn und Unsinn der “alternativen” Heilmethode losgetreten. Unter anderem zitiert der Artikel den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach mit den Worten: ,,Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen”, – übrigens etwas, was die GWUP schon seit Jahren fordert, einschließlich des Stopps der öffentlichen Förderung. Noch immer zahlt rund die Hälfte der gesetzlichen Kassen für die umstrittene Methode. Dass nun erstmals ein Leitmedium wie Der Spiegel die Homöopathie so offen kritisiert (und damit sicher viele seiner Leser vor den Kopf stößt), birgt eine gewisse Brisanz angesichts der Diskussion um knappe Kassen und einer gerade mit zahlreichen Änderungen verabschiedeten Gesundheitsreform. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn wird in der Süddeutschen Zeitung  mit den Worten zitiert, er sei offen für die Streichung der einst unter Rot-Grün eingeführten Wahltarife. Gleichwohl melden sich auch Relativierer zu Wort. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verwahrte sich gegen pauschale Kritik an der Homöopathie, denn diese verkenne, dass selbst die “Schulmedizin” auf die industrielle Nachahmung von kostenlosen Heilmitteln der Natur zurückgreife.  Auch stünden die Kosten für die Homöopathie in keinem Verhältnis zu denen der “Schulmedizin”.

Nun, dazu gibt es einiges zu sagen:

Erstens zeigt die ehemalige Verbraucherschutzministerin damit, dass sie den Unterschied zwischen Homöopathie und Naturmedizin offensichtlich nicht kennt (die Homöopathie ist kein Naturheilverfahren!).  Zu ihrer Verteidigung muss mal wohl erwähnen,  dass sich Künast damit einreiht in die lange Reihe von Volksvertretern, die durch Grußworte und Schirmherrschaften für Homöopathie-Veranstaltungen negativ aufgefallen sind.

Zweitens lenkt sie von den Gründen ab, derentwegen eine Streichung der Erstattungsfähigkeit gefordert werden. Mal abgesehen von den Gewinnspannen bei gut eingeführten Homöopathika, – bei der Herstellung wird eine Ursubstanz bis zum Nichtmehrvorhandensein verdünnt, man macht also buchstäblich mit Nichts Geld (im Gegensatz zu den oft horrenden Entwicklungskosten von Medikamenten der evidenzbasierten Medizin), – wird mit der Argumentation, dass ein unwirksames Präparat  ruhig erstattet werden sollte, weil andere Medikamente viel mehr kosten, der Verschwendung von öffentlichen Geldern Tür und Tor geöffnet.

Andersrum gefragt:

Sollten die Kassen ein wirksames Krebsmedikament, ein teures Hörgerät, eine künstliche Hüfte deshalb nicht erstatten, nur weil die Vertreter irgendeiner “alternativen”, in Tests gescheiterten Heilmethode behaupten, sie könnten viel günstigere Behandlungen anbieten?

Oder sollte nicht vielmehr die Wirksamkeit über die Erstattungsfähigkeit entscheiden?

Genau diese Argumentation wird derzeit mit dem ,,Binnenkonsens” umgangen, wonach alternative Behandlungsmethoden erstattungsfähig sind, sofern sie zum Behandlungsstandard der Therapierichtung gehören – unabhängig von einem wissenschaftlichen Wirksamkeitsbeleg. Karl Lauterbachs Vorschlag, der dieses Jahr in Großbritannien schon ähnlich formuliert wurde, ist richtig und längst überfällig. Dazu der GWUP-Vorsitzende Armardeo Sarma: „Gerade wenn gespart werden muss, sollte zuerst bei pseudowissenschaftlichen Therapien wie der Homöopathie angesetzt werden“. Deshalb unterstützt die GWUP Lauterbachs Forderung mit einem öffentlichen Aufruf .

Es bleibt zu hoffen, dass diese Aufrufe diesmal längerfristig Gehör finden.

Holger von Rybinski, Inge Hüsgen

June 14 2010

Globuli für Afrika

Den Deutschen Engagementspreis haben sie nicht bekommen, nicht zuletzt aufgrund von Kritik in zahlreichen Foren, etwa Astrodicticum simplex. Die “Homöopathen ohne Grenzen” (HOG) bemühen sich jedoch nach wie vor, die Hahnemann’sche Lehre weltweit zu verbreiten.

So berichtet die Augsburger Allgemeine von einem Projekt in Kenia, bei dem eine Heilpraktikerin den Einheimischen die Zubereitung und Anwendung von homöopathischen Arzneien beibringt. Liest man den Artikel, gewinnt man den Eindruck, hier handele es sich einfach um eines von vielen privat betriebenen Entwicklungshilfeprojekten.

Sieht man den Text genauer an, wird geschildert, wie hilfsbedürftigen Menschen, die oft weder lesen und schreiben können, mit Hilfe von Symbolkarten eingeredet wird, die wissenschaftlich völlig unbewiesene Heilslehre Homöopathie könne ihnen Linderung  bei Geburtswehen (ok, das behaupten deutsche Hebammen auch) sowie  - und da wird es nun wirklich kritisch – Schlangenbissen und Knochenbrüchen bringen. Ja, auch Blutungen nach einer Geburt könnten mit selbstverfertigten Globuli, in denen meist kein Bestandteil der fälschlicherweise als Wirkstoff bezeichneten “Ursubstanz” enthalten ist, gestoppt werden. Das Interesse sei groß, weil “die Menschen sehen, dass die kleinen Kügelchen wirken”. Ähnliche Projekte betreibt die Organisation ihrer Website zufolge in vielen anderen von Armut und Krieg geplagten Ländern.

Nun drängt sich die Frage auf, ob man Menschen, denen es an grundsätzlicher medizinischer Versorgung fehlt, nicht besser helfen könnte, als mit einer esoterischen Heilslehre wie der Homöopathie, die in 200 Jahren keinen wissenschaftlich wirksamen Nachweis für ihre Wirksamkeit erbringen konnte.

Man stelle sich vor, im Nachkriegseuropa wären anstelle von Care-Paketen und Hilfe beim Wiederaufbau von Kliniken und Infrastruktur, traditionelle Heiler aus allen Teilen der Welt erschienen, um mit Beschwörungsformeln und unwirksamen Zuckerkügelchen rachitische Kinder und verwundete Kriegsheimkehrer zu beglücken. Sierra Leone beispielsweise hat noch immer unter den Auswirkungen des bis vor wenigen Jahren tobenden Bürgerkrieges zu leiden, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nach Angaben der WHO nur um die 40 Jahre, Durchfall stellt noch immer eine der häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern dar. Ganz sicher benötigen diese bedauernswerten Menschen keine unwirksamen Milchzuckerkügelchen, sondern Medikamente, deren Wirksamkeit belegt ist, sowie Hilfe beim Aufbau einer zivilen Infrastruktur.

Die “Homöopathen ohne Grenzen” – die ihren Namen an die mit dem Friedensnobelpreis gekürte Organisation “Ärzte ohne Grenzen” anlehnen, obwohl sie nichts damit zu tun haben - bitten auf ihrer Website um Spenden für ihre Projekte.

Wer Entwicklungshilfeprojekte finanziell unterstützen will, sollte sich besser vorher beim Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen, getragen u. a. vom Berliner Senat und vom Bundesfamilienministerium, erkundigen, welcher Verein sinnvolle Unterstützung in diesem Bereich leistet – oder gleich an die Ärzte ohne Grenzen spenden.

May 23 2010

Der Tod der Parapsychologie

“Parapsychology: Dead or Alive?” lautet die Titelschlagzeile der aktuellen Ausgabe des englischen Magazins The Skeptic. Im Innenteil stellt der US-Psychologe Ray Hyman den Totenschein für die Parapsychologie aus. Seinen Beitrag “The Demise of Parapsychology” fasst Dr. Martin Mahner in der aktuellen Ausgabe der GWUP-Zeitschrift Skeptiker auf Deutsch zusammen:

Hyman hat die Parapsychologie jahrzehntelang kritisch begleitet und wird auch von Parapsychologen als Diskussionspartner geschätzt. Nun kommt er jedoch zu dem Schluss, dass es an der Zeit sei, den Tod dieses 160 Jahre alten Unterfangens festzustellen.”

 Wieso? Wir Skeptiker haben stets darauf hingewiesen, dass die “Erkenntnisse” der Parapsychologen

  • Vorhandenes nicht erklären, dafür aber
  • Nichtvorhandenes zu erklären versuchen,
  • im Widerspruch zu gesicherten Erkenntnissen stehen und
  • kein theoretisches Gerüst vorweisen können, das auch nur unter den Parapsychologen selbst allgemein anerkannt wäre.

Ursprünglich (im 19. Jahrhundert) war die Parapsychologie angetreten, wissenschaftliche Belege für die Existenz spiritueller/okkulter Phänomene zu erbringen, um die bereits damals skeptische wissenschaftliche Gemeinschaft von der Existenz von Psi zu überzeugen. Das galt bis vor kurzem weiterhin als ihr Hauptziel.

In den vergangenen zehn Jahren seien jedoch immer mehr Parapsychologen zu der Ansicht gelangt, dass dieses Ziel nicht zu erreichen ist, schreibt Hyman. Diese Neoparapsychologen, wie Hyman sie nennt, gäben zu, dass die Beleglage für Psi nicht nur widersprüchlich und flüchtig ist, sondern auch anerkannte wissenschaftliche Standards nicht erfüllt.

Während dies früher als Manko beklagt worden sei, behaupteten die Neoparapsychologen nun, dass Psi wissenschaftliche Standards grundsätzlich nicht erfüllen könne. Sie argumentieren, es gehöre zur Natur von Psi, eben nicht mit wissenschaftlicher Methodologie greifbar zu sein. Mit der daraus abgeleiteten Forderung, die wissenschaftliche Methode müsse aufgegeben beziehungsweise den Anforderungen der Parapsychologie angepasst werden, sei das ursprüngliche wissenschaftliche Ideal der Parapsychologie abhanden gekommen.

Wenn die Neoparapsychologen heute also das exzentrische Verhalten parapsychologischer Ergebnisse als Hinweis deuten, dass diese Unreplizierbarkeit, Unregelmäßigkeit und Flüchtigkeit zur Natur von Psi gehöre, dann gestehen sie damit das Scheitern der Parapsychologie ein. Mit ihrer Forderung, die wissenschaftlichen Methoden zu ändern beziehungsweise aufzuweichen, um Psi zur Anerkennung zu verhelfen, wenden sie sich von der Wissenschaft ab und kehren zurück zum Okkultismus.

Man könne, so Hyman, in diesem Sinne also nur noch zu dem Schluss kommen, dass die Parapsychologie nach 160 Jahren das Zeitliche gesegnet hat.

Ergänzt wird Mahners Review des Hyman-Aufsatzes “Der Tod der Parapsychologie” durch den Themenartikel “Von Schafen und Ziegen – Der Sechste Sinn und die unbewusste Wahrnehmung” von Wolfgang Hell, Professor für Angewandte Psychologie an der Uni Münster und Zweiter Vorsitzender des GWUP-Wissenschaftsrats. In seiner Einleitung schreibt Hell:

Wir können von den zum Teil in der Parapsychologie erforschten Phänomenen eine Menge über die menschliche Kognition lernen, was auch Mainstream-Psychologen, -Mediziner, -Neurophysiologen und -Biologen interessieren sollte. Die Beschränkung von Parapsychologen auf eine einzige Erklärung ist es, die mich stört. Die Parapsychologie könnte ein so spannendes Gebiet sein, das auch in der Mainstream-Wissenschaft mehr Beachtung finden würde, wenn sie diese Beschränkung aufgäbe und ernsthaft nach naturalistischen Erklärungen für ihre Befunde und Berichte suchen würde.”

Wie das geht und welche hoch interessanten Erkenntnisse man tatsächlich aus der seriösen Beschäftigung mit Phänomenen wie dem “Sechsten Sinn”, “Gedankenlesen” oder “Extrasensorischen Wahrnehmungen” gewinnen kann, steht ausführlich im Skeptiker 2/2010 zu lesen, der im Juni erscheint.

 

April 28 2010

High mit Hexensalbe?

 Hexen- und Teufelswahn im Harz” – Selbst heute noch regen sich besorgte Christen über spezielle Bräuche in der “Walpurgisnacht” auf. Doch vermutlich ist dieses wilde Treiben vergleichsweise harmlos gegenüber mittelalterlichen Drogen-Trips beim “Hexensabbath”. Ein Gespräch mit dem Lebensmittelchemiker und GWUP-Vorstandsmitglied Dr. Jochen Bergmann.

 

Herr Dr. Bergmann, in der Walpurgisnacht fliegen die Hexen auf einem Besenstil zum Blocksberg, um dort eine Nacht lang zu tanzen und wollüstigen Sex mit dem Teufel zu haben. Das klingt wie ein Drogen-Trip. Könnten solche Vorstellungen vielleicht tatsächlich unter dem Einfluss halluzinogener Substanzen entstanden sein?

Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn man die verwendeten Pflanzen betrachtet.
Obwohl Hexensalben-Rezepte – hier insbesondere die klassische „Flugsalbe“ – in verschiedenen Varianten kursierten, enthielten sie meist Teile einer oder mehrerer Pflanzen mit berauschender Wirkung, wie etwa Bilsenkraut, Tollkirsche, Alraune oder bittersüßer Nachtschatten. Auch wenn wir erst seit einigen Jahrzehnten die chemischen Verbindungen kennen, die für die Wirkung verantwortlich sind: Ihre Wirkung ist schon seit Jahrhunderten bekannt und der Kreis ihrer Anwender war nicht auf Hexen beschränkt.
Durch unterschiedliche Rezepte, Herstellungsverfahren und natürliche Schwankungen der Inhaltsstoffe gibt es zum Teil große Unterschiede in den Schilderungen der Wirkung von Hexensalben. Einige Hexensalben mögen vielleicht wirkungslos gewesen sein und bei anderen vermischen sich authentische Schilderungen mit Übertreibungen und Mythen. Einen wahren Kern aber haben die die Schilderungen von „Hexenflug und Ausschweifungen“ allemal – nur fand dies im Kopf der Hexen statt.

Könnten Sie eine Salbe zusammenbrauen, die eine solche Wirkung hat? Was wäre da zum Beispiel drin?

Eine Hexensalbe lässt sich relativ einfach herstellen. In eine Salbengrundlage nach Wahl werden je nach Rezept verschiedene Pflanzen eingearbeitet. Neben Inhaltsstoffen, die Geruch oder Konsistenz verbessern sollen, gehören in eine echte Flugsalbe auch eine oder mehrere der oben genannten Pflanzen. Mit ein wenig botanischem Wissen oder spezialisierten Naturführern lassen sich diese Zutaten selbst finden. Und zur Verarbeitung zu einer Salbe benötigt man dann nur ein wenig handwerkliches Geschick.

Der Volkskunde-Professor Will-Erich Peukert unternahm in den 1950-er Jahren nach eigenen Angaben einen spektakulären Selbstversuch mit einer Hexensalbe. Er schrieb später darüber: “Vor meinen Augen tanzten zunächst grauenhaft verzerrte menschliche Gesichter. Dann plötzlich hatte ich das Gefühl, als flöge ich meilenweit durch die Luft. Der Flug wurde wiederholt durch tiefe Stürze unterbrochen. In der Schlußphase schließlich das Bild eines orgiastischen Festes mit grotesken sinnlichen Ausschweifungen.” Auch wenn das übertrieben klingt und eher an einen Bilderbuchhexenritt erinnert: Könnte man so ein Experiment nicht einfach mal wiederholen?

Ja, aber das ist nicht empfehlenswert. In den frühen Zeiten der Naturstoffforschung waren Selbstversuche mit pflanzlichen Drogen keine Seltenheit. Man darf aber nicht vergessen, dass es sich bei den Wirkstoffen der genannten Pflanzen um hochpotente Verbindungen mit erheblichem Schadenspotenzial handelt. Anders als bei bekannten Genussdrogen wie Nikotin, Ethanol oder Koffein ist die Dosierung der Wirkstoffe bei Hexensalben nicht einfach und das Fenster zwischen mildem Rausch und Höllenritt sehr schmal.
Die Anwendung irgendeiner Hexensalbe ist vergleichbar mit der Verabreichung eines halben Liters eines alkoholischen Getränkes mit unbekanntem Alkoholgehalt: Wer Bier bekommt, dem droht kein Ungemach. Wer den Schnaps erwischt, riskiert eine Alkoholvergiftung.

Im Internet und in diversen aktuellen Hexenbüchern kursieren zahlreiche Rezepte für Hexensalben – sind die alle wirkungslos? Was kann da realistischerweise passieren, an Wirkungen und auch an Nebenwirkungen?

Die im Internet und der Literatur für „moderne Hexen“ kursierenden Anleitungen sind ein Sammelsurium verschiedener Rezepte für verschiedene Zwecken wie Heilung, Verhexung und Schutz.
Die Rezepte für Flugsalben lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen enthalten gar keine Rauschdrogen oder nur sehr geringe Anteile. Von diesen geht hinsichtlich der Rauschwirkung keine Gefahr aus, allerdings wird sich auch kein echtes Fluggefühl einstellen. Die andere Gruppe der Rezepte schreibt Rauschdrogen in einer Menge vor, die bei normaler Anwendung eine Rauschwirkung erwarten lässt. Hier kann es bei unerfahrenen Anwendern schnell zu einer Überdosierung kommen, denn sie können die zu erwartende Wirkung nicht so einfach in „mild“ und „wild“ unterteilen. Daher ist von leichtfertigen Versuchen mit Flugsalben abzuraten.

 Zum Weiterlesen:

  • Gisela Völger/Karin von Welck (1987): Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich. Rowohlt, Reinbek

 

March 09 2010

Buchtipp: Warum die Uhr stehenblieb, als Opa starb

“Warum die Uhr stehenblieb, als Opa starb” war nicht nur das Motto des Publikumstages bei der GWUP-Konferenz 2009 in Hamburg – sondern ist auch der Titel meines neuen Buches, das gerade erschienen ist. Untertitel: “Merkwürdige Zufälle und unerklärliche Phänomene”.

Warum geht’s? Natürlich ums Paranormale. Und um Skeptizismus. Also um beides.

Damit das funktioniert und wirklich jeder das Buch in die Hand nehmen kann, weist jedes Kapitel eine dreiteilige Struktur auf:

  • Die “Nachtseite” beschreibt das jeweilige Thema/Phänomen aus Sicht der “Gläubigen” und der sogenannten “Grenzwissenschaften”
  • Im “Dämmerlicht” werden dann persönliche Erfahrungen und Erlebnisse erzählt, wie sie sich zum Beispiel in Online-Foren und Diskussionsboards finden. Als kurze Stories, in der Ich-Perspektive, aber in eine lesbare Form gebracht, also umgeschrieben und zugespitzt. So ähnlich wie die “urban legends” in den Büchern von Prof. Brednich. Nur aus dem Bereich des “Übersinnlichen”. Und hoffentlich etwas besser geschrieben …
    Die Geschichten handeln von Todesomen, Geistern, okkulten Praktiken, PSI bei Tieren, Vorahnungen, unsichtbaren Helfern und solchen Dingen.
  • Und dann gibt’s noch die “Tagseite”. Das ist der kritische/skeptische Standpunkt. Also Erklärungen, soweit möglich.

Mal schauen, ob das so hinhaut.  

Etwa die Sache mit der Uhr. Warum bleibt manchmal die Uhr plötzlich stehen, wenn ein geliebter Mensch stirbt?
Sogar der berühmte Physiker Richard Feynman erlebte dieses Phänomen beim Tod seiner ersten Frau. Er sah, dass ihr Wecker auf dem Tisch neben ihrem Krankenhausbett genau zu der Minute stehenblieb, in der seine Frau laut Sterbeurkunde gestorben war.
Diese seltsame Übereinstimmung ließ dem genialen Naturwissenschaftler keine Ruhe. Er begann nachzuforschen. Und im Nachhinein stellte Feynman fest, dass der Arzt die Todeszeit, die in der Sterbeurkunde angegeben war, von eben jenem Wecker am Krankenbett abgelesen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Uhr aber schon lange stehengeblieben, mindestens eine halbe Stunde zuvor.

Ist das die einzige Erklärung für dieses Phänomen? Natürlich nicht. Genauso wenig, wie es eine gemeinsame Ursache für sämtliche Autounfälle gibt.

Zum Weiterlesen:

February 18 2010

Satansopfer: Fakt oder Fantasie?

Selbst dem altehrwürdigen ARD-„Tatort“ war das Thema „Satanistischer Ritalmissbrauch“ einen Beitrag wert.

Die Folge „Abschaum“ bot dem Sonntagabend-Zuschauer „reichlich harten Stoff und sorgte prompt für eine massive Zuschauerresonanz“, vermeldete tags darauf Spiegel-Online. Rund 600 Beiträge seien auf einem speziellen Internet-Forum von Radio Bremen eingegangen. Am Ende des Films werden zwei als Ritualopfer vorgesehene Kinder gerettet und ein geistig zerrütteter Ex-Elitesoldat tötet 14 Satanisten. „Das Massaker am Schluss der Tatort-Folge hat prominente Kritik ausgelöst“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Dagegen fand die Darstellung der Themen Satanismus und Kindesmissbrauch große Zustimmung bei den Zuschauern.”

Nicht verwunderlich, sorgen doch Horror-Schlagzeilen wie „Satans-Sekten opfern jährlich 10 000 Kinder” (Bild) oder „Schock-Report: Tötet Satans-Sekte Babys und Kinder?“ (tz München) immer wieder für Empörung.

In krassem Gegensatz zu solchen Sensationsberichten steht jedoch die Faktenlage. „Es gibt keine polizeilich gesicherten Erkenntnisse darüber, dass es zu rituellen Missbrauchshandlungen im Satanismus kommt“, vermeldet beispielsweise das Essener Sekten-Info. Auch die Aktion für Geistige und Psychische Freiheit (AGPF) schreibt:

“Ritualverbrechen (rituelle Gewalt, ritueller Missbrauch) als organisierte satanische Schwerstkriminalität ist nicht nachweisbar.”

Solche Einwände werden indes stets mit dem immer gleichen Argumentationsmuster zurückgewiesen:

  • Polizeiliche Ermittlungen, die regelmäßig ins Leere laufen? Eine Vielzahl von hochrangigen Mitverschwörern sitzt an einflussreichen Schaltstellen und ist daher in der Lage, entsprechende Straftaten dauerhaft zu vertuschen!
  • Schilderungen von unglaublicher Monstrosität, die etwa Kannibalismus und Kindstötungen einschließen? Gerade die Unglaublichkeit dieser Verbrechen ist ihr bester Schutz! Weil sie die geschilderten Taten einfach nicht glauben können, geben auch Ermittlungsbehörden zu schnell auf, wenn Satanisten-Opfer Anzeige erstatten!
  • Wieso gelingt der ursächliche Nachweis der traumatischen Erfahrungen von Kultopfern im Einzelfall nur schwer oder gar nicht? Weil Satanisten über ein perfektes System von Programmierungs- und Mind-Control-Techniken verfügen!
  • Warum hat noch kein einziges Mitglied der weltumspannenden satanistischen Geheimbünde öffentlich ausgepackt? Wegen der strengen Arkandisziplin!

Unter anderem dieser eigentümlichen Kausalkette an Argumenten, mit denen versucht werde, “Bedenkenträger von der Richtigkeit der Gefahrendeutung zu überzeugen und die Tatsächlichkeit der Tatsachen möglichst widerspruchsfrei darzulegen”, widmet sich Ina Schmied-Knittel, Soziologin am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, in einem Buch zur Thematik. 

Fraglos eine äußerst schwierige und undankbare Aufgabe – denn über wenige Phänomene „wird selbst unter Weltanschauungsbeauftragten so heftig und kontrovers diskutiert wie über die Faktizität des rituellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in satanistischen Zirkeln und Sekten“, merkte der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in einer Rezension der Veröffentlichung  an:

“Wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen, ungewollt Mitglied eines Schweigebündnisses zu sein, sich von Kriminellen instrumentalisieren zu lassen und schwerste Straftaten zu verharmlosen oder gar zu leugnen?”

Das Fatale an dieser Situation ist, dass eine “realitätsangemessene Verhandlung des Gegenstandes in Deutschland kaum noch möglich” erscheint, erklärt Schmied-Knittel. “Leidtragende könnten nicht zuletzt echte Missbrauchsopfer sein, deren Schilderungen man künftig möglicherweise mit größerer Skepsis begegnen wird.”

Angelegen ist der Autorin daher eine Versachlichung des Themas – ausgehend von der Beobachtung, dass

„in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit bis heute ein primär gefahrenfokussierter Diskurs dominiert, der unter weitgehender Ausblendung wissenschaftlicher Debatten (fast) alle kritischen Einwände überstimmt.”

Diesen zahlreichen kritischen Einwänden gibt Schmied-Knittel mit ihrer “wissenssoziologischen Diskursanalyse” eine Stimme. Eine ausführliche Rezension ihres Buches folgt im Skeptiker 1/2010, der kommende Woche erscheint.

Zum Weiterlesen:

 

February 03 2010

P.M. – Das Peinliche Magazin

 Das waren noch Zeiten, als Peter Moosleitners interessantes Magazin uns Kids erklärte, warum Flugzeuge fliegen können und woraus das Universum besteht. Lang ist’s her.

Heute steht das Kürzel P.M. wohl bestenfalls noch für „Pseudo-Magazin“. Traurig, dieser Abstieg zum befremdlichen Esoterik-Blättchen, das mit Astrologie, Intelligent Design, Verschwörungen und Wassergedächtnis wedelt. Anscheinend sucht das Peinliche Machwerk seinen neuen Platz irgendwo zwischen Esotera und dem Engelmagazin – falls es nicht verdientermaßen vorher eingestellt wird. Denn wer braucht sowas?

Zugegeben: Als Autor für P.M. zu arbeiten, darf man sich wohl recht komfortabel vorstellen: Einfach fröhlich drauflos fabulieren und so tun, als wäre jeder Satz wunderbar neu und von Nobelpreisträgern beglaubigt, den Kenntnisstand eines jeden durchschnittlichen Wikipedia-Lesers zum Thema schlichtweg ignorierend – und damit durchkommen.

Nehmen wir also wider besseres Wissen die aktuelle Februar-Ausgabe zur Hand, und sei es nur in banger Erwartung der Eskapaden journalistischer Titelstrategen. Und tatsächlich – wenigstens in diesem Punkt werden wir nicht enttäuscht.

„Die verborgenen Phänomene der Geschichte“ blurbt es vom Cover. Und da verabschieden sich auch schon die ersten grauen Zellen, denn die Storys, mit denen wir hier belästigt werden, gehören zur besonders hirnfetzenden Sorte. Nein, ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat, für dieses Grützeheft auch noch richtiges Geld hinzulegen.

Auf elf Seiten im Innenteil entfaltet sich ein ums andere hübsche Beispiel für die Irrwege gestresster Chefredakteure und Verlagskaufleute, die unter Auflagendruck auch noch den allerletzten Schmu aus dem Bereich des „Wundersamen“ irgendwie verhökern müssen. Neben Schenkelklopfern vor dem Herrn wie „Das Sternenkind aus Mexiko“ oder „Das Volk der fliegenden Wagen“ qualifiziert sich insbesondere der Beitrag „Das Wundertuch von Guadeloupe“ durch seine bloße Existenz für ein hiesiges Treatment.

Und so geht’s los:

„Die aztekische Schrift Nican Mopohua (16. Jh.) berichtet von einem unglaublichen Ereignis, das sich im Dezember 1531 in Mexiko zugetragen hat. Damals kam der aztekischstämmige Juan Diego aus Tolpetlac am Hügel Tepeyac vorbei, der heute die Wallfahrtsstätte Guadalupe ist. Von der Kuppe her hörte er Musik und Gesang, und als sie verstummt waren, erklomm er den Hügel und sah sich einer bildschönen weiblichen Gestalt gegenüber.“

Na, wer  mag das wohl gewesen sein? Genau, die Jungfrau Maria.

Eigentlich auch durchaus nachvollziehbar. 1531 – das bedeutet: Zehn Jahre nach der Eroberung Mexikos durch Hernando Cortez. „Die Spanier und Portugiesen sind im Begriff, mit ihrer überlegenden Kriegstechnologie Süd- und Mittelamerika brutal zu unterwerfen, um den Reichtum des Kontinents an sich zu reißen – und diesen zugleich für das Christentum zu gewinnen“, lesen wir zu dieser Epoche bei der Theologin und Marienkult-Kritikerin Monika Hauf. „Ein hoffnungsloses Unterfangen, so sollte man denken. Denn was sonst außer Furcht könnte die Indios dazu veranlassen, die Religion der Eroberer anzunehmen?“

Tja, was sonst? Vielleicht ein plötzliches Eingreifen der Himmelskönigin herself? Und genau das geschieht auch prompt. Beziehungsweise widerfährt dem besagten Indio Juan Diego:

„Ihm erschien Maria und beauftragte ihn, vom Bischof in Mexiko-Stadt die Errichtung einer Kirche auf einem Hügel nahe der Stadt, auf dem zuvor ein Heiligtum der Azteken-Göttin Tonantzin stand, zu erbitten”,

lesen wir in einem katholischen Heiligenlexikon.

“Drei Tage später erschien Maria dem Indianerjungen Juan ein zweites Mal, auf dem schneebedeckten Hügel wuchsen Rosen, Juan Diego sammelte sie und brachte sie in seinem Mantel zum Bischof; als er den Mantel öffnete, um dem Bischof die Rosen zu geben, war auf dem Mantelfutter das Gesicht von Maria zu sehen. Der Bischof erkannte darin das Bild der Jungfrau von Guadelupe, die in Spanien verehrt wird. Nun überzeugt, ließ er die Kirche bauen.“

Eine eher sonder- als wunderbare Geschichte, sollte man meinen.

Aber nicht für einen P.M.-Autoren. Kein Hauch von Skepsis durchwirkt seinen Doppelseiten-Sleaze über das Bildnis der heiligen Maria auf Juan Diegos Mantel, das heute noch existiert und in der Basilika von „Nuestra Senora de Guadeloupe“ in Mexiko City zu sehen ist. P.M.-like ist dies selbstredend alles höchst wundersam, verblüffend, phänomenal und obendrein vollkommen unerklärlich.

Natürlich hätte man zumindest darauf hinweisen können,

  • dass der damalige Ortsbischof, Juan de Zumárraga, das angebliche Marienwunder oder einen „Seher“ namens Juan Diego in den von ihm erhalten gebliebenen Unterlagen mit keinem Wort erwähnt. Nirgendwo.
  • Oder dass ausgerechnet der Abt der Basilika von Guadeloupe, Guillermo Schulemburg, im Jahr 1996 die ganze Geschichte zum historischen Mythos erklärt hat – und dass besagter Juan Diego wohl nie existiert hat.
  • Oder dass die aztekische Legende, mit welcher der P.M.-Autor in seine abstruse Story einsteigt, sich möglicherweise gar nicht auf die katholische Maria bezieht, sondern die aztekische Erdgöttin Coatlicue meint, mit deren Namen die Spanier aber nichts anzufangen wussten und deshalb  „Guadeloupe“ daraus machten.
  • Oder dass schon 1556 der Franziskanerpater Francisco de Bustamante einen Klostermaler namens Marcos als Urheber des „himmlischen“ Bildnisses benannte. Und dass dieses Bild im Laufe der Jahrhunderte mehrfach massiv manipuliert worden ist, etwa durch nachträgliches Hinzufügen einer Krone auf dem Haupt der Jungfrau sowie von Strahlen und Sternen auf dem Mantel etc.

 Und so weiter, und so fort.

All das hätte man in dem P.M.-Artikel „Das Wundertuch von Guadeloupe“ zumindest am Rande mal erwähnen können. Andererseits wäre das nun wiederum extrem untypisch für das Para-Müll-Magazin gewesen.

January 31 2010

Grün ist der Werwolf

Irgendwie kann ich einen gewissen „Tom“ verstehen, der unlängst einen Artikel bei Welt-online wie folgt kommentierte:

Zombies links, Vampire rechts? Schwachsinn! Ich hab keine richtige politische Meinung, bin erst 13, aber ich mag beide, besonders die Zombies. Welcher Idiot denkt sich denn politische Meinungen für die Monster aus?!“

Tja, da ist zum einen der englische Kulturkritiker Sam Leith, der diese These von den elitären Vampiren und den proletarischen Zombies in der Zeitschrift Prospect vertreten hat. Aber auch der Stern beteiligt sich an solchen wohlfeilen Blödeleien und schreibt in einer Rezension des neuen Douglas-Preston-Romans „Cult – Spiel der Toten“:

 „Mehr Zombies braucht das Land! Weg mit all den Vampiren. Nieder mit den blaublütigen Parasiten, die ihre Herrschaft nur durch Aussaugen der niederen Klassen sichern können … Wir freuen uns auf den Aufstand der Zombie-Massen. Erhebt euch, Untote dieser Welt. Bald sind Wahlen in Nordrhein-Westfalen.“

 Ah ja. Vorher ist aber noch der Starttermin von „The Wolfman“ (11. Februar). Viel mehr würde mich deshalb interessieren, in welche politische Kategorie denn dieses sabbernde Fellknäuel passt? Darauf hat zum Beispiel Die Welt eine Antwort:

 „Offenbar gibt es auch eine Art dritten Weg: nicht nur den proletarischen Zombie und den elitären Vampir, sondern auch den engagierten Werwolf. Bei Stephenie Meyer ist dieser Werwolf Indianer und Naturkind qua Geburt – nicht Porschefahrer, sondern Abenteurer unter freiem Himmel, in Jack Wolfskin gewissermaßen … Wenn also der Zombie links ist und der Vampir rechts, dann ist der neue Werwolf grün.“

 Grün also. Na, von mir aus. Meine Beziehung zu Werwölfen ist sowieso eher unterentwickelt. Ich weiß nur noch, dass mein allererstes John-Sinclair-Heftchen „Die Werwölfe von Wien“ (Band 45) hieß und dass in der kultigen SWR 3-Radiocomedy „Feinkost Zipp“ eine knurrende und kettenrasselnde „Frau Werwolf“ mitspielte.

 Was ist eigentlich das Faszinierende am Werwolf-Mythos?

 „Die Doppelgesichtigkeit, dieses Janusköpfige“, erklärt der Literaturwissenschaftler Uwe Schwagmeier. „In manchen Filmen ist es möglicherweise auch die Freiheit, die ausgelebte Triebhaftigkeit, das Unangepasstsein, das Leben ohne schlechtes Gewissen. Das ist ein anderes körperliches Erleben, das auch an Erotik gekoppelt sein kann.“

 Also so wie in „Das Tier“, über den das „Lexikon des Horrorfilms“ indes bissig urteilt: „Ede Wolf und die drei kleinen Schweinchen finden wir da wirklich amüsanter.“

 Was gibt es aus GWUP-Sicht sonst noch zum Thema Werwolf zu sagen? Wenig – außer dass im Hunsrück einer rumläuft. Jedenfalls wollen viele dort stationierte US-Soldaten schon mal einen Lykantrophen gesehen haben. In echt.

Darüber haben wir sogar schon mal gebloggt. Also einfach hier weiterlesen: „SKEPTIKER jagt Werwolf: The Morbach Monster“.

January 23 2010

Skeptisches Entschlacken

Ich müsse dringend mal wieder “entgiften”, rät mir die Funk Uhr. Denn “Entgiften … schützt die Gesundheit, verleiht uns neue Energie – und lässt nebenbei die Pfunde purzeln.”

Iss ja doll!

Fehlen nur noch die “Schlacken”. Oder habe ich was überlesen?

Natürlich nicht. Eben mal kurz zurückgeblättert – schon auf der Titelseite prangen sie dem geneigten Leser entgegen. “Mit Wundertee an einem Tag entschlacken. So geht’s”.

Und ich dachte immer, Schlacken fallen bei der Verbrennung von Kohle an, nicht aber bei der Verwertung von Nährstoffen. Oder funktioniert der menschliche Körper wie ein Hochofen?

Anscheinend.

“Restspuren von Alkohol, Nikotin, Konservierungsstoffen, aber auch belastende chemische Substanzen, die wir täglich mit Luft und Wasser aufnehmen – alles muss raus”, blurbt die Fernsehzeitschrift, gegen die Esotera sich wie eine ernsthafte Wissenschaftspublikation ausnimmt.

“Treten die Giftstoffe nach deftigen Weihnachtsschlemmereien in großer Formation an, sind Leber und Nieren überfordert. Giftstoffe setzen sich im Binde- und Fettgewebe ab. Sind auch diese Deponien voll, kommen Gelenke, Sehnen und Muskeln an die Reihe, aber auch Organe wie das Gehirn und die Leber.”

Weia! Und dann verleiht auch noch eine “Medizinerin, Ernährungsexpertin und Buchautorin aus Hamburg” diesem alarmierenden Szenario des rapiden körperlichen Post-Weihnachts-Verfalls eine beunruhigende Bestimmtheit.

Was läuft eigentlich verkehrt mit der Mediziner-Ausbildung in diesem Land?

Alle molekularen Substanzen im Körper (Mineralien, Aminosäuren, Zucker oder z.B. auch Medikamente) werden entweder unmittelbar im Stoffwechsel benötigt oder aber umgebaut und gespeichert, zum Beispiel Kohlenhydrate als Glykogen beziehungsweise Fett. Irgendwie “störende” Reste bleiben bei einem gesunden Menschen nicht zurück.

Überschüssige oder unbrauchbare Substanzen sowie Stoffwechsel-Endprodukte nehmen den vorgesehenen Weg und werden über Darm und Nieren ausgeschieden. Auch von Giftstoffen befreit sich unser Organismus sofort über Leber und Niere.

So genannte “Entschlackungsmittel” sind in aller Regel Abführmittel, die den Mastdarm reizen und den Defäktionsreflex auslösen – damit wird aber praktisch nur der letzte Schritt im perfekt organisierten Selbstentschlackungssystem (um es mal so zu nennen) des Körpers beschleunigt. Nur wenn dieses System in irgendeiner Weise gestört ist, können Erkrankungen wie Gicht entstehen.

Möglicherweise meint der englische Arzt und Autor Ben Goldacre ja solche Funk-Uhr-Experten, wenn er in seinem gerade erschienenen Buch “Die Wissenschaftslüge” den mannigfaltigen pseudowissenschaftlichen Bockmist auf dieser Welt würdigt. Zum Beispiel auch die “Entgiftungsmanie”:

“In der Biochemie stellt die Entgiftung ein bedeutungsloses Konzept dar. Sie reißt die Natur nicht aus den Fugen. In keinem Lehrbuch der Medizin findet sich irgendeine Abhandlung zum Thema Entgiftung…

Dass Burger und Bier sich negativ auf den Körper auswirken können, trifft sicherlich zu, aus unterschiedlichen Gründen. Doch die Vorstellung, dass sie spezifische Rückstände hinterlassen, die mittels eines spezifischen Prozesses, eines physiologischen Systems mit Namen Entgiftung ausgeschieden werden können, ist eine Erfindung schlauer Marketing-Manager.”

Oder cleverer Buchautorinnen. Allenfalls lässt sich “Entgiftung” wohl als kulturelles Konstrukt begreifen, als eine Art Reinigungs- und Erlösungsritual.

Das ist auch schon alles.

Allerdings könnten Zeitschriften wie die Funk Uhr mit Goldacres eher bodenständigen Tipps nicht zwei Doppelseiten füllen – sondern höchstens ein paar Zeilen:

“Wenn ich ständig auf Partys gehe, trinke, wenig schlafe und mich von Fertigfraß ernähre, merke ich normalerweise irgendwann, dass ich ein bisschen Ruhe brauche. Also bleibe ich ein paar Nächte daheim, lese und esse mehr Grünzeug als gewöhnlich.

Models und Promis dagegen entgiften.”

 
Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • Ben Goldacre (2010): Die Wissenschaftslüge. Wie Pseudowissenschaftler uns das Leben schwer machen. Fischer Verlag, Frankfurt.
Reposted bydatenwolf datenwolf

January 17 2010

Mein paranormales Schweizer Messer

Zu unserem Blogging “Katastrophenmathematik á la Goldfinger” erreichte uns unter anderem dieser Kommentar:

“Ach ihr seid doch nur Spielverderber. Als nächstes erzählt Ihr uns vielleicht noch, dass Harry Potter in Wirklichkeit gar kein Quidditch spielen kann, weil Besen nicht fliegen.”

Nun, es liegt uns natürlich vollkommen fern, sämtliche Filmmythen Hollywoods auf den Prüfstand zu stellen, wie sie etwa hier in ironischer Umkehrung aufgelistet werden. Ein Beispiel:

“Mit einem Schweizer Messer, einem Bindfaden und einer Büroklammer kann man Bomben bauen, Reaktoren reparieren und sogar die Sicherheitssysteme des KGB lahmlegen.”

Da stellt sich mir nun vielmehr die Frage, was daran falsch sein soll???

Schließlich berichten zufriedene Besitzer dieses Utensils überaus glaubwürdig noch von ganz anderen Verwendungsmöglichkeiten, wie ein freundlicher Skeptiker von der GWUP-Regionalgruppe München zufällig entdeckt hat.

Sucht man bei amazon in der Rubrik “Sport und Freizeit” nach einem original “Wenger Schweizer Offiziersmesser Giant“, stößt man auf weit über 100 Kundenrezensionen, von denen wir nachfolgend einige wiedergeben.

Jetzt verstehen wir auch, warum der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke, Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat, bei seinen aufregenden Recherchen grundsätzlich so ein Teil mit sich führt.

  • “Wirklich ein fantastisches und handliches Allzweckgerät … Was mich nur ein bisschen stört, ist die Tatsache, dass grundlegende Alltagsfunktionen doch teilweise etwas schwer zu erreichen bzw. zu bedienen sind: So ist z.B. der integrierte Teilchenbeschleuniger nur dann korrekt in Betrieb zu nehmen, wenn die Nagelfeile und der Korkenzieher in einem Winkel von exakt 107,2 Grad ausgeklappt sind. Nervig ist auch das unangenehme Summen, das der Schutzschild-Generator vor sich gibt, wenn der Schild von Luft-Boden-Raketen getroffen wird … Außerdem ist die Notfall-Rettungskapsel mit einer Kapazität von sechs Personen eindeutig unterdimensioniert und kann nur dann abgesprengt werden, wenn das Messer sich in waagerechter Lage befindet. Hier sollte der Hersteller eindeutig nachbessern. “

 

  • “Zwar bin ich insgesamt zufrieden mit diesem Multitool, aber leider treten doch immer wieder Situationen auf, in denen grundlegende Tools fehlen: Ein Notstromaggregat. Denn Unterwasserschlagbohrer und Lenkraketenziellaser sind zwar in der Theorie äußerst nützlich (und in der Benutzung gewohnt anwenderfreundlich), in der Praxis hat man aber oft keine Steckdose griffbereit …”

 

  • “Lobend erwähnt seien am Ende noch die ausklappbare Encyclopaedia Britannica und der reversible Quantennecator, mit dem es schon mehrfach gelungen ist, Schroedingers Katze zu töten.”

 

  • “Hallo, wir sind letzte Woche in das Messer eingezogen und haben es nicht bereut!”

 

  • “Auf unserem Bauernhof kommt hauptsächlich das Bolzenschussgerät und der Güllesprenkler des Giant zum Einsatz, die Installation als Heckaufsatz für den Traktor hat einwandfrei funktioniert.”

 

  • “An sich ist das Gerät einwandfrei (der wegen des engbauchigen Braukessels etwas zu hopfige Geschmack des Pils wird durch die schöne Schaumkrone mehr als aufgewogen), allerdings muss ich kritisieren, dass bei 40 Grad die Wäsche zu heftig geschleudert und dadurch knitterig wird.”

 

  • “Durch Zufall habe ich herausgefunden, dass in das Messer auch eine verkleinerte Version des CERN-Teilchenbeschleunigers eingebaut ist (dieser ist nur 24,3 km lang statt 27 km wie das Original). Ich wollte eigentlich nur eine Flasche Bier aufmachen, dann ist der Beschleunigerring rausgeklappt.”

 

  • “Ich habe den Eindruck, dass viele Rezensenten, dieses phantastische Messer gar nicht besitzen. Vielleicht habe ich aber auch nur eine aktuellere Version mit folgenden neuen unglaublichen Tools:
    - Märchenoma, die den Kindern stundenlang vorliest.
    - Echter Kamin mit Wärmespeicher (Speckstein).
    - Inflatable love doll ™.
    - komplette Staatsregierung einschließlich Opposition, falls man mal ein kleineres Land annektiert hat und wieder raus will.”

 

  • “Ich kann dieses Tool nur empfehlen, allerdings sollte man schon die Grundlagen der theoretischen Quantenphysik verstanden haben, insbesondere weil der Hersteller nur unzureichend auf die möglichen Gefahren hinweist.”

 

  • “Nettes Gerät für den täglichen Gebrauch. Ich habe begonnen, die Bankenkrise zu beheben. Allerdings gibt es Probleme beim Parallelbetrieb zur Rettung des Weltklimas.”

 

  • “Hallo, ich habe dieses Messer vor einiger Zeit erworben, um meinen Schwiegervater nach seinem Schlaganfall regelmäßig einer Comuptertomographie unterziehen zu können. In diesem Zusammenhang schien es mir praktisch, dass das Messer gleichzeitig über eine integrierte Geriatriestation verfügt.”

 

  • “Ich kann an dieser Stelle nur auf einige wenige Funktionen eingehen. Alle habe ich noch nicht probiert: #666: Klinge zum Atome spalten > wunderbare Funktion, die ich nicht mehr missen möchte.”

 

  • “Die eingebaute S-Bahn kommt immer mal wieder zu spät, aber  was soll’s.”

 

  • “Als Kölner hat mich insbesondere der im Taschenmesser verbaute Permanent-Rosenmontagszug überzeugt. Neben den verblüffenden ca. eine Million Zuschauern und 300 000 Tonnen Wurfmaterial besticht das Feature durch schöne Details wie 16 vollausgestattete Erste-Hilfe-Stationen und 48 Getränkestände.”

 

  • “Ich bin mir sicher: Wenn Gott ein Messer hätte, dann wäre es dieses.”
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December 23 2009

Astro-TV: Auf dem Straßenstrich der Astrologie

Beim Großreinemachen vor den Feiertagen mal wieder meine Sammlung an uralten Mad-Heften entstaubt. Ausgabe 177 etwa muss wohl aus dem Jahr 1983 stammen, jedenfalls ist eine Parodie auf “Die Rückkehr der Jedi-Ritter” drin. Und natürlich das damals obligate Monatshoroskop.

“Zweite Woche: Ihr Partner ist in letzter Zeit erstaunlich kurz angebunden”, heißt es da beispielsweise. “Also seien Sie kein Unmensch und machen Sie dem armen Geschöpf die Leine ein bisschen weiter!”

Oder: “Vierte Woche: So leicht und unbeschwert haben Sie sich selten gefühlt. Kein Wunder. Sie sind eine Null und aus Ihnen ist die Luft raus!”

Ob “Deutschlands bekannteste Star-Seherin” (Bild) Lilo von Kiesenwetter, meine Kontrahentin in der “Kerner”-Sendung, früher auch Mad gelesen hat? Im aktuellen Horoskop auf ihrer Webseite schreibt sie jedenfalls zu meinem Sternzeichen: “Zu Weihnachten und Neujahr keine Exzesse und Völlereien mehr Proteine und Vitamine damit Ihr Immunsystem sich optimal erholen kann.” (Interpunktion originalgetreu).

Ah ja. Und was erwartet mich im Büro?

“Diplomatisch bleiben”, rät die Seherin vom Rhein. “Lassen Sie sich in einer Auseinandersetzung mit einem Vorgesetzten nicht zu Beleidigungen hinreißen.” Na sowas – und ich dachte immer, dass es der Karriere-Schub schlechthin sei, den Boss mal so richtig zu dissen. Hab ich mich wohl geirrt. Danke, Lilo!

Irgendwie erinnert mich das an “Astro-TV”, den Spartensender unterhalb des geistigen Existenzminimums. Wo “Beraterinnen” dilettieren, die sogar als Avon-Beraterin scheitern würden. Und “Berater”, die in jedem Bus sofort als Schwarzfahrer belangt werden, auch wenn sie einen Fahrschein haben – einfach, weil sie so aussehen.

Eingeklemmt zwischen  balkendicken Telefonnummern und vergleichsweise winzigen Tarifangaben wie lebende Sandwiches, spulen sie ihre nichtssagenden Floskeln herunter. Und das ist noch wohlwollend ausgedrückt. “Straßenstrich der Gegenwartsastrologie” nennen Kollegen, die sich selbst natürlich für etwas Besseres halten, Fernsehkanäle wie “Astro-TV” und Co. – Markus Jehle etwa.

Aber es gibt auch Leute, die dieses Bildschirm-Bestiarium ganz prima finden. Sylvius Bardt zum Beispiel. Der Mann ist Vorstandsvorsitzender der Questico AG. Jenes Unternehmen also, welches die “Astro-TV”-Beraterinnen ungefiltert ihren Wortmüll durch die Gegend speien lässt. In einer an sich kritisch gedachten Broschüre der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (siehe Zum Weiterlesen) darf sich der Fairness halber auch der “Diplom-Kaufmann, MBA” ausführlich verbreiten.

In seinem Pro-”Astro-TV”-Plädoyer stellt Bardt eindrucksvoll unter Beweis, dass man sogar “Toleranz” zum veritablen Unwort herabwürdigen kann. Gefühlte 127 Mal auf zehn Seiten heischt der Geschäftsmann nach “Toleranz” für sein zynisch-geldgeiles Verdummungsprogramm. Zur “Toleranz” gehöre übrigens auch, “dass genau hingeschaut wird, bevor Urteile gefällt und Stereotypen bedient werden”.

Tun wir, Herr Bardt. Auch wenn ich dafür mit gelegentlichen Depressionen vor der Mattscheibe, erhöhtem Rotweinkonsum und dem einen oder anderen Hörsturz bezahlen muss.

Und nicht nur wir freundlichen Skeptiker von der GWUP. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Katja Fuhrtmann analysiert in der besagten EZW-Broschüre detailgenau die “Sprachlich-kommunikativen Strategien des Telefonfernsehens Astro-TV”. Ihr Fazit:

“Man könnte am Ende dieses Beitrags kritisch fragen, ob es den Tausenden Anrufern nicht auffällt,

  • dass die Beraterin nach teils banalen kommunikativen Prinzipien verfährt,
  • dass sie ihre Voraussagen aus ihrem umfassenden Alltags-, Welt- und Erfahrungswissen ableitet und mit kübelweise Balsam für die Seele verbindet,
  • dass Astro-TV und das Esoterikportal Questico allein auf dem Nährboden der Unsicherheit und des Unkritisch-Seins der Kunden gedeihen und damit stetig steigende Umsätze erwirtschaften können?”

Da fragt man sich doch wirklich, wieso das originale Mad-Magazin 1995 eingestellt werden musst (die aktuellen Panini-Ausgaben sind für echte Fans bloß noch eine Lachnummer, leider eine schlechte)? Trotz zahlloser Orakelsprüche á la “Astro-TV”:

“Vierte Woche: Endlich ist bei Ihnen der Knoten geplatzt! Ganz schön peinlich – denn nun stehen Sie im Schwimmbad ohne Badehose da.”

Zum Weiterlesen:

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