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April 28 2010

High mit Hexensalbe?

 Hexen- und Teufelswahn im Harz” – Selbst heute noch regen sich besorgte Christen über spezielle Bräuche in der “Walpurgisnacht” auf. Doch vermutlich ist dieses wilde Treiben vergleichsweise harmlos gegenüber mittelalterlichen Drogen-Trips beim “Hexensabbath”. Ein Gespräch mit dem Lebensmittelchemiker und GWUP-Vorstandsmitglied Dr. Jochen Bergmann.

 

Herr Dr. Bergmann, in der Walpurgisnacht fliegen die Hexen auf einem Besenstil zum Blocksberg, um dort eine Nacht lang zu tanzen und wollüstigen Sex mit dem Teufel zu haben. Das klingt wie ein Drogen-Trip. Könnten solche Vorstellungen vielleicht tatsächlich unter dem Einfluss halluzinogener Substanzen entstanden sein?

Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn man die verwendeten Pflanzen betrachtet.
Obwohl Hexensalben-Rezepte – hier insbesondere die klassische „Flugsalbe“ – in verschiedenen Varianten kursierten, enthielten sie meist Teile einer oder mehrerer Pflanzen mit berauschender Wirkung, wie etwa Bilsenkraut, Tollkirsche, Alraune oder bittersüßer Nachtschatten. Auch wenn wir erst seit einigen Jahrzehnten die chemischen Verbindungen kennen, die für die Wirkung verantwortlich sind: Ihre Wirkung ist schon seit Jahrhunderten bekannt und der Kreis ihrer Anwender war nicht auf Hexen beschränkt.
Durch unterschiedliche Rezepte, Herstellungsverfahren und natürliche Schwankungen der Inhaltsstoffe gibt es zum Teil große Unterschiede in den Schilderungen der Wirkung von Hexensalben. Einige Hexensalben mögen vielleicht wirkungslos gewesen sein und bei anderen vermischen sich authentische Schilderungen mit Übertreibungen und Mythen. Einen wahren Kern aber haben die die Schilderungen von „Hexenflug und Ausschweifungen“ allemal – nur fand dies im Kopf der Hexen statt.

Könnten Sie eine Salbe zusammenbrauen, die eine solche Wirkung hat? Was wäre da zum Beispiel drin?

Eine Hexensalbe lässt sich relativ einfach herstellen. In eine Salbengrundlage nach Wahl werden je nach Rezept verschiedene Pflanzen eingearbeitet. Neben Inhaltsstoffen, die Geruch oder Konsistenz verbessern sollen, gehören in eine echte Flugsalbe auch eine oder mehrere der oben genannten Pflanzen. Mit ein wenig botanischem Wissen oder spezialisierten Naturführern lassen sich diese Zutaten selbst finden. Und zur Verarbeitung zu einer Salbe benötigt man dann nur ein wenig handwerkliches Geschick.

Der Volkskunde-Professor Will-Erich Peukert unternahm in den 1950-er Jahren nach eigenen Angaben einen spektakulären Selbstversuch mit einer Hexensalbe. Er schrieb später darüber: “Vor meinen Augen tanzten zunächst grauenhaft verzerrte menschliche Gesichter. Dann plötzlich hatte ich das Gefühl, als flöge ich meilenweit durch die Luft. Der Flug wurde wiederholt durch tiefe Stürze unterbrochen. In der Schlußphase schließlich das Bild eines orgiastischen Festes mit grotesken sinnlichen Ausschweifungen.” Auch wenn das übertrieben klingt und eher an einen Bilderbuchhexenritt erinnert: Könnte man so ein Experiment nicht einfach mal wiederholen?

Ja, aber das ist nicht empfehlenswert. In den frühen Zeiten der Naturstoffforschung waren Selbstversuche mit pflanzlichen Drogen keine Seltenheit. Man darf aber nicht vergessen, dass es sich bei den Wirkstoffen der genannten Pflanzen um hochpotente Verbindungen mit erheblichem Schadenspotenzial handelt. Anders als bei bekannten Genussdrogen wie Nikotin, Ethanol oder Koffein ist die Dosierung der Wirkstoffe bei Hexensalben nicht einfach und das Fenster zwischen mildem Rausch und Höllenritt sehr schmal.
Die Anwendung irgendeiner Hexensalbe ist vergleichbar mit der Verabreichung eines halben Liters eines alkoholischen Getränkes mit unbekanntem Alkoholgehalt: Wer Bier bekommt, dem droht kein Ungemach. Wer den Schnaps erwischt, riskiert eine Alkoholvergiftung.

Im Internet und in diversen aktuellen Hexenbüchern kursieren zahlreiche Rezepte für Hexensalben – sind die alle wirkungslos? Was kann da realistischerweise passieren, an Wirkungen und auch an Nebenwirkungen?

Die im Internet und der Literatur für „moderne Hexen“ kursierenden Anleitungen sind ein Sammelsurium verschiedener Rezepte für verschiedene Zwecken wie Heilung, Verhexung und Schutz.
Die Rezepte für Flugsalben lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen enthalten gar keine Rauschdrogen oder nur sehr geringe Anteile. Von diesen geht hinsichtlich der Rauschwirkung keine Gefahr aus, allerdings wird sich auch kein echtes Fluggefühl einstellen. Die andere Gruppe der Rezepte schreibt Rauschdrogen in einer Menge vor, die bei normaler Anwendung eine Rauschwirkung erwarten lässt. Hier kann es bei unerfahrenen Anwendern schnell zu einer Überdosierung kommen, denn sie können die zu erwartende Wirkung nicht so einfach in „mild“ und „wild“ unterteilen. Daher ist von leichtfertigen Versuchen mit Flugsalben abzuraten.

 Zum Weiterlesen:

  • Gisela Völger/Karin von Welck (1987): Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich. Rowohlt, Reinbek

 

March 09 2010

Buchtipp: Warum die Uhr stehenblieb, als Opa starb

“Warum die Uhr stehenblieb, als Opa starb” war nicht nur das Motto des Publikumstages bei der GWUP-Konferenz 2009 in Hamburg – sondern ist auch der Titel meines neuen Buches, das gerade erschienen ist. Untertitel: “Merkwürdige Zufälle und unerklärliche Phänomene”.

Warum geht’s? Natürlich ums Paranormale. Und um Skeptizismus. Also um beides.

Damit das funktioniert und wirklich jeder das Buch in die Hand nehmen kann, weist jedes Kapitel eine dreiteilige Struktur auf:

  • Die “Nachtseite” beschreibt das jeweilige Thema/Phänomen aus Sicht der “Gläubigen” und der sogenannten “Grenzwissenschaften”
  • Im “Dämmerlicht” werden dann persönliche Erfahrungen und Erlebnisse erzählt, wie sie sich zum Beispiel in Online-Foren und Diskussionsboards finden. Als kurze Stories, in der Ich-Perspektive, aber in eine lesbare Form gebracht, also umgeschrieben und zugespitzt. So ähnlich wie die “urban legends” in den Büchern von Prof. Brednich. Nur aus dem Bereich des “Übersinnlichen”. Und hoffentlich etwas besser geschrieben …
    Die Geschichten handeln von Todesomen, Geistern, okkulten Praktiken, PSI bei Tieren, Vorahnungen, unsichtbaren Helfern und solchen Dingen.
  • Und dann gibt’s noch die “Tagseite”. Das ist der kritische/skeptische Standpunkt. Also Erklärungen, soweit möglich.

Mal schauen, ob das so hinhaut.  

Etwa die Sache mit der Uhr. Warum bleibt manchmal die Uhr plötzlich stehen, wenn ein geliebter Mensch stirbt?
Sogar der berühmte Physiker Richard Feynman erlebte dieses Phänomen beim Tod seiner ersten Frau. Er sah, dass ihr Wecker auf dem Tisch neben ihrem Krankenhausbett genau zu der Minute stehenblieb, in der seine Frau laut Sterbeurkunde gestorben war.
Diese seltsame Übereinstimmung ließ dem genialen Naturwissenschaftler keine Ruhe. Er begann nachzuforschen. Und im Nachhinein stellte Feynman fest, dass der Arzt die Todeszeit, die in der Sterbeurkunde angegeben war, von eben jenem Wecker am Krankenbett abgelesen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Uhr aber schon lange stehengeblieben, mindestens eine halbe Stunde zuvor.

Ist das die einzige Erklärung für dieses Phänomen? Natürlich nicht. Genauso wenig, wie es eine gemeinsame Ursache für sämtliche Autounfälle gibt.

Zum Weiterlesen:

February 18 2010

Satansopfer: Fakt oder Fantasie?

Selbst dem altehrwürdigen ARD-„Tatort“ war das Thema „Satanistischer Ritalmissbrauch“ einen Beitrag wert.

Die Folge „Abschaum“ bot dem Sonntagabend-Zuschauer „reichlich harten Stoff und sorgte prompt für eine massive Zuschauerresonanz“, vermeldete tags darauf Spiegel-Online. Rund 600 Beiträge seien auf einem speziellen Internet-Forum von Radio Bremen eingegangen. Am Ende des Films werden zwei als Ritualopfer vorgesehene Kinder gerettet und ein geistig zerrütteter Ex-Elitesoldat tötet 14 Satanisten. „Das Massaker am Schluss der Tatort-Folge hat prominente Kritik ausgelöst“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Dagegen fand die Darstellung der Themen Satanismus und Kindesmissbrauch große Zustimmung bei den Zuschauern.”

Nicht verwunderlich, sorgen doch Horror-Schlagzeilen wie „Satans-Sekten opfern jährlich 10 000 Kinder” (Bild) oder „Schock-Report: Tötet Satans-Sekte Babys und Kinder?“ (tz München) immer wieder für Empörung.

In krassem Gegensatz zu solchen Sensationsberichten steht jedoch die Faktenlage. „Es gibt keine polizeilich gesicherten Erkenntnisse darüber, dass es zu rituellen Missbrauchshandlungen im Satanismus kommt“, vermeldet beispielsweise das Essener Sekten-Info. Auch die Aktion für Geistige und Psychische Freiheit (AGPF) schreibt:

“Ritualverbrechen (rituelle Gewalt, ritueller Missbrauch) als organisierte satanische Schwerstkriminalität ist nicht nachweisbar.”

Solche Einwände werden indes stets mit dem immer gleichen Argumentationsmuster zurückgewiesen:

  • Polizeiliche Ermittlungen, die regelmäßig ins Leere laufen? Eine Vielzahl von hochrangigen Mitverschwörern sitzt an einflussreichen Schaltstellen und ist daher in der Lage, entsprechende Straftaten dauerhaft zu vertuschen!
  • Schilderungen von unglaublicher Monstrosität, die etwa Kannibalismus und Kindstötungen einschließen? Gerade die Unglaublichkeit dieser Verbrechen ist ihr bester Schutz! Weil sie die geschilderten Taten einfach nicht glauben können, geben auch Ermittlungsbehörden zu schnell auf, wenn Satanisten-Opfer Anzeige erstatten!
  • Wieso gelingt der ursächliche Nachweis der traumatischen Erfahrungen von Kultopfern im Einzelfall nur schwer oder gar nicht? Weil Satanisten über ein perfektes System von Programmierungs- und Mind-Control-Techniken verfügen!
  • Warum hat noch kein einziges Mitglied der weltumspannenden satanistischen Geheimbünde öffentlich ausgepackt? Wegen der strengen Arkandisziplin!

Unter anderem dieser eigentümlichen Kausalkette an Argumenten, mit denen versucht werde, “Bedenkenträger von der Richtigkeit der Gefahrendeutung zu überzeugen und die Tatsächlichkeit der Tatsachen möglichst widerspruchsfrei darzulegen”, widmet sich Ina Schmied-Knittel, Soziologin am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, in einem Buch zur Thematik. 

Fraglos eine äußerst schwierige und undankbare Aufgabe – denn über wenige Phänomene „wird selbst unter Weltanschauungsbeauftragten so heftig und kontrovers diskutiert wie über die Faktizität des rituellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in satanistischen Zirkeln und Sekten“, merkte der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in einer Rezension der Veröffentlichung  an:

“Wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen, ungewollt Mitglied eines Schweigebündnisses zu sein, sich von Kriminellen instrumentalisieren zu lassen und schwerste Straftaten zu verharmlosen oder gar zu leugnen?”

Das Fatale an dieser Situation ist, dass eine “realitätsangemessene Verhandlung des Gegenstandes in Deutschland kaum noch möglich” erscheint, erklärt Schmied-Knittel. “Leidtragende könnten nicht zuletzt echte Missbrauchsopfer sein, deren Schilderungen man künftig möglicherweise mit größerer Skepsis begegnen wird.”

Angelegen ist der Autorin daher eine Versachlichung des Themas – ausgehend von der Beobachtung, dass

„in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit bis heute ein primär gefahrenfokussierter Diskurs dominiert, der unter weitgehender Ausblendung wissenschaftlicher Debatten (fast) alle kritischen Einwände überstimmt.”

Diesen zahlreichen kritischen Einwänden gibt Schmied-Knittel mit ihrer “wissenssoziologischen Diskursanalyse” eine Stimme. Eine ausführliche Rezension ihres Buches folgt im Skeptiker 1/2010, der kommende Woche erscheint.

Zum Weiterlesen:

 

January 31 2010

Grün ist der Werwolf

Irgendwie kann ich einen gewissen „Tom“ verstehen, der unlängst einen Artikel bei Welt-online wie folgt kommentierte:

Zombies links, Vampire rechts? Schwachsinn! Ich hab keine richtige politische Meinung, bin erst 13, aber ich mag beide, besonders die Zombies. Welcher Idiot denkt sich denn politische Meinungen für die Monster aus?!“

Tja, da ist zum einen der englische Kulturkritiker Sam Leith, der diese These von den elitären Vampiren und den proletarischen Zombies in der Zeitschrift Prospect vertreten hat. Aber auch der Stern beteiligt sich an solchen wohlfeilen Blödeleien und schreibt in einer Rezension des neuen Douglas-Preston-Romans „Cult – Spiel der Toten“:

 „Mehr Zombies braucht das Land! Weg mit all den Vampiren. Nieder mit den blaublütigen Parasiten, die ihre Herrschaft nur durch Aussaugen der niederen Klassen sichern können … Wir freuen uns auf den Aufstand der Zombie-Massen. Erhebt euch, Untote dieser Welt. Bald sind Wahlen in Nordrhein-Westfalen.“

 Ah ja. Vorher ist aber noch der Starttermin von „The Wolfman“ (11. Februar). Viel mehr würde mich deshalb interessieren, in welche politische Kategorie denn dieses sabbernde Fellknäuel passt? Darauf hat zum Beispiel Die Welt eine Antwort:

 „Offenbar gibt es auch eine Art dritten Weg: nicht nur den proletarischen Zombie und den elitären Vampir, sondern auch den engagierten Werwolf. Bei Stephenie Meyer ist dieser Werwolf Indianer und Naturkind qua Geburt – nicht Porschefahrer, sondern Abenteurer unter freiem Himmel, in Jack Wolfskin gewissermaßen … Wenn also der Zombie links ist und der Vampir rechts, dann ist der neue Werwolf grün.“

 Grün also. Na, von mir aus. Meine Beziehung zu Werwölfen ist sowieso eher unterentwickelt. Ich weiß nur noch, dass mein allererstes John-Sinclair-Heftchen „Die Werwölfe von Wien“ (Band 45) hieß und dass in der kultigen SWR 3-Radiocomedy „Feinkost Zipp“ eine knurrende und kettenrasselnde „Frau Werwolf“ mitspielte.

 Was ist eigentlich das Faszinierende am Werwolf-Mythos?

 „Die Doppelgesichtigkeit, dieses Janusköpfige“, erklärt der Literaturwissenschaftler Uwe Schwagmeier. „In manchen Filmen ist es möglicherweise auch die Freiheit, die ausgelebte Triebhaftigkeit, das Unangepasstsein, das Leben ohne schlechtes Gewissen. Das ist ein anderes körperliches Erleben, das auch an Erotik gekoppelt sein kann.“

 Also so wie in „Das Tier“, über den das „Lexikon des Horrorfilms“ indes bissig urteilt: „Ede Wolf und die drei kleinen Schweinchen finden wir da wirklich amüsanter.“

 Was gibt es aus GWUP-Sicht sonst noch zum Thema Werwolf zu sagen? Wenig – außer dass im Hunsrück einer rumläuft. Jedenfalls wollen viele dort stationierte US-Soldaten schon mal einen Lykantrophen gesehen haben. In echt.

Darüber haben wir sogar schon mal gebloggt. Also einfach hier weiterlesen: „SKEPTIKER jagt Werwolf: The Morbach Monster“.

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